Skihaserl
Seit ich Schweden bin habe ich viel mehr Dinge ausprobiert als jemals zuvor, ein paar Vorurteile und Prin
zipien über den Haufen geworfen, somit einige neue Erfahrungen gemacht und ziemlich glückliche Momente erlebt. Am letzten Wochenende war es nun Zeit, eines meiner größten Vorurteile zu überdenken, nämlich, dass Skifahren ist wie Ballermann im Schnee. Erstens mag ich keine Berge, sondern bin ein Meer-Mensch. Zweitens mag ich den rustikalen Stil von Alpendörfern so gar nicht. Und drittens habe ich mir immer vorgestellt, dass alle in ihren superschicken stylischen Markenanzügen vor jeder Fahrt eine halbe Stunde am Skilift anstehen und schön und reich aussehen wollen. Und abends tanzt und singt man dann zu DJ Ötzi und schüttet massenweise Jagertee in sich hinein. Neeee, das war nun keine angenehme Vorstellung für mich. Aber ich sollte erfahren, dass es auch ganz anders sein kann... Der Schwede an sich ist ja ein Naturmensch und wird scheinbar schon mit Skiern unter den Füßen, Sommerhaus auf dem Land und Boot auf dem Wasser geboren. Und so haben sich meine beiden entzückenden Chefs gedacht, wir könnten unsere diesjährige Konferenz mal im schwedischen Fjäll machen. Dazu kamen auch unsere drei Kollegen aus Deutschland und unser einer Kollege aus Finnland nach Stockh
olm gereist, und von da ging es am Mittwoch mit Autos ca. 500 Kilometer in den Nordwesten, nach Björnrike. Stockholm ist ja eher mäßig mit Schnee gesegnet, und so genoss ich schon vom Auto aus die winterliche Landschaft mit sanften Hügeln, Seen und richtig hübschen roten Häusern. Es sah fantastisch und sehr idyllisch aus. Ich freute wahnsinnig und machte deswegen direkt nach unserer Ankunft als erstes einen Schneeengel. Mein Kollege Claes hat in Björnrike ein Haus, und die Firma hatte noch zwei weitere dazugemietet. Meine Kolleginnen und ich bezogen zu fünft das Mädelshaus, während sich die 12 Männer auf die anderen Häuser aufteilten. Da wir uns die Zimmer teilen mussten und in Stockbetten schliefen, erinnerte das Ganze direkt ein bisschen an Klassenfahrt... Am Donnerstag hatten wir dann unsere Konferenz in einem schönen Hotel ca. 20 km von Björnrike entfernt, mit Blick auf die gegenüber am Berg stehende Rentierherde. Zwischen Meeting und Abendessen hatten wir dann ein bisschen Zeit und durften uns im Spa vergnügen, was für meinen Teil so aussah, dass ich im Whirlpool rumblubberte und dem Großteil meiner Kollegen beim Wasserball im Schwimmbecken zusah (warum müssen Männer immer spielen und aus allem einen Wettkampf machen???). Nach dem sehr leckeren Abendessen entdeckte jemand eine Tischtennisplatte im Keller, was zu weiteren sportlichen Herausforderungen führte. Ich als Antialkoholikerin bekam dann die Aufgabe, eines der Autos zurück nach Björnrike zu fahren. Immer etwas aufregend für mich, da ich ja so gut wie nie fahre und dann immer etwas ungeübt bin. Alles klappte jedoch soweit gut, wenn man davon absieht, dass meine 3 Mitfahrer fast die ganze Fahrt über nichts sagten – ich vermute, aus Todesangst. Gescheitert bin ich dann schließlich an der verschneiten und glatten Straße rauf nach Björnrike, weil ich nicht verstand, wann man schalten darf und wann auf keinen Fall, und so machte ich dann Platz für meinen alkoholisierten Geschäftsführer, der den Berg erst wieder runter musste, um uns dann aber doch heil nach Hause zu bringen. Am Freitag hatten wir den Vormittag über gemütliche Gruppenarbeit in unseren Häusern, und trafen uns dann mittags zum Hot-Dog-Essen, ausgestattet mit unserer Winterausrüstung (ich hatte in eine Hose investiert und mir von Torbjörn eine Jacke und von Elena Handschuhe geliehen). Ab jetzt war Spaß angesagt, der offizielle Arbeitsteil war vorbei, und jeder hatte die Möglichkeit, freiwillig bis Sonntag zu bleiben. Drei Kollegen verließen uns, und wir anderen 14 machten uns auf zu einem Schneescooter-Ausflug. Was 'n Spaß, sag ich euch! Immer 2 Kollegen fuhren zusammen auf einem Scooter, ich zusammen mit Claes, unserem Superingenieur und Firmengründer. Der Schnee war wahnsinnig tief, und so dauerte es nicht lang bis Claes uns festfuhr. Als wir abstiegen versanken wir bis zu den Hüften im Schnee – irre. Ein paar Kollegen eilten herbei, halfen uns, den Scooter wieder freizubuddeln, und weiter ging's. Nach ein paar Minuten das Gleiche wieder... Aber da aller guten Dinge drei sind ließ das Finale nicht auf sich warten. Leider befanden wir uns diesmal auf einem See (bzw is
t es wohl ein See im Sommer, im Winter eher eine matschige Moorangelegenheit), was dazu führte, dass sich die „Retter“ auch alle festfuhren, so dass insgesamt 5 Scooter befreit werden mussten, was dazu führte, dass 6 Männer bis zu den Knien im Wasser standen. Und die Guides hassten uns vermutlich... Da ich noch trockene Füße hatte durfte ich ladylike rumstehen und zugucken, wie die anderen sich abmühten. Aber da es sich ja um harte Kerle handelt, schütteten sie sich zum Schluss das Wasser aus den Stiefeln, zogen die Socken aus und stattdessen Plastiktüten über die Füße, um die Körperwärme zu halten – und weiter ging's. Wir fuhren auf einen Gipfel und genossen die Aussicht auf die Berglandschaft. Obwohl nur auf 900m befanden wir uns trotzdem über der Baumgrenze, die Berge waren auch eher Hügel, und im Gegensa
tz zum erdrückenden Alpenpanorama mochte ich das sehr gerne. Wir traten den Rückweg an, und diesmal war ich an der Reihe mit Fahren. Da die Guides von uns Großstadtidioten die Nase voll hatten, wählten sie glücklicherweise diesmal einen richtigen Scooter-Weg ohne Tiefschnee, auf den man auch nebeneinander passte, was die Jungs natürlich glücklich machte, weil sie nun wieder um die Wette fahren konnten. Auf 120 km/h kann man schon kommen mit so 'nem Ding, nicht schlecht!
Wieder in Björnrike angekommen hatten wir eine kurze Verschnaufspause, aber dann ging es schon daran, das Abendessen vorzubereiten. Wir waren in unterschiedliche Gruppen eingeteilt und kochten ein herrliches 3-Gänge-Menü. Wir hatten einen lustigen Abend, an dem ich den Schweden beibrachte, dass man 7 Jahre schlechten Sex hat, wenn man sich beim Anstoßen nicht in die Augen guckt, und an dem mir Kalle 12.000 bot, für den Fall, dass ich einen ganzen Tag lang bei der Arbeit nicht lache. Da ich mich kenne, musste ich die Herausforderung leider direkt ablehnen...
Samstag war dann der Tag der Wahrheit – ich sollte zum ersten Mal in meinem Leben auf Abfahrtsskiern stehen. Lustigerweise haben mir meine Eltern unabhängig voneinander vorher schon gesagt, dass ich das ja bereits Skifahren kann – nur weil ich im Alter von 9 Jahren mit ihnen im Harz Langlauf gemacht habe. Das nenne ich blindes Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Kindes... Nachdem uns also 3 weitere Kollegen nach dem Frühstück verlassen hatten, ging es los. Mein Kollege Staffan ist nebenbei auch noch Skilehrer, und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, unserer frisch aus Shanghai angereisten chinesischen Projektangestellten Sissel und mir das Skilaufen beizubringen. Die Ausrüstung hatten wir von den zuhause gebliebenen Ehefrauen unserer Kollegen zusammengeliehen. Schon die ersten 5 Meter zum Lift waren eine Herausforderung; Sissel und ich konnten uns kaum bewegen und wurden von
Staffan und unserem Geschäftsführer Torbjörn gezogen und geschoben. Sicher ein recht putziger Anblick. Und der Lift war dann auch kein Sessellift, sondern so einer bei dem man gezogen wird. Das ging aber doch recht gut, zumindest bis wir dann mittendrin an einer Station aussteigen mussten (nach ganz oben fuhren wir nicht). Ich sag nur: Nase voran. Staffan und Torbjörn zeigten uns dann als erstes wie man bremst, was ziemlich unnötig erschien, da wir uns ja eh nicht aufrecht halten konnten. So hangelten und fielen und rutschen wir durch ein kleines Waldstück, bis wir plötzlich mitten auf einer ganz normalen Piste standen – kein Kinderhügel. Nach unten ins „Ziel“ waren es ca. 200m und mir wurde klar, dass es Staffans Plan war, dass wir da heute noch auf Skiern runter sollten... Schluck. Aber dann sah ich mir die 4-Jährigen an, die voller Elan an uns vorbeisausten und dachte mir „Was die können, kann ích auch“. So gab ich mic
h mutig meinen Kollegen hin und befolgte alle Anweisungen. Oberkörper nach vorne, Hände auf die Knie und los, einmal quer über die Piste. Ääääääh, wie war das nochmal mit dem Bremsen??? Plumps, da lag ich. Und nochmal und wieder, und Torbjörn lachte. Schnell zeigte sich, dass Sissel und ich unterschiedliche Talente hatten. Sissel war prima im Bremsen und fuhr auch ganz langsam, dafür aber recht wackelig. Ich stand relativ sicher auf meinen Skiern, konnte auch richtig gut wenden, aber überhaupt nicht bremsen, was bedeutete, dass ich im Affenzahn hin und hersauste und mich dann schließlich irgendwann hinwerfen musste, um nicht an einer Tanne zu enden. Irgendwie kamen Sissel und ich auch tatsächlich den Berg runter, und konnten erstmal verschnaufen, während Torbjörn und Staffan und die anderen Kollegen ein paarmal vormachten, wie das Ganze aussieht, wenn man es kann. Dann nahm Staffan mich wieder mit auf die Piste, und diesmal lernte ich, mit geöffneten Armen die Balance zu halten und auch, das Tempo gemäßigt zu halten. Anbei ein Video;
auch wenn ich nicht wirklich zu erkennen bin, aber ich bin es wirklich. Staffan seht ihr im Vordergrund. Diesmal ging es schon viel besser und Staffan lobte mich ganz begeistert und versicherte mir, dass ich Talent hätte (sicher ein pädagogischer Trick, den er bei jedem Schüler anwendet, aber es hat trotzdem gewirkt). Ab und an kam der ein oder andere Kollege vorbeigefahren, hielt an, sprach aufmunternde Worte und düste wie
der davon. Dazu die strahlende Sonne, der knallblaue Himmel, der Schnee und die Landschaft – ich wurde fast high. Als ich unten ankam war ich so überwältigt von all dem, dass ich vor Glück und Stolz beinahe geheult hätte. Wow, was für ein Erlebnis! Voller Energie ging es ein drittes Mal auf die Piste, und diesmal fuhr ich einfach los, und fiel nur einmal hin, bevor ich mit erhobenen Armen freudestrahlend im Ziel ankam, wo meine Kollegen mich jubelnd und applaudierend empfingen :-)
Da Sissel und ich dann aber doch vollkommen erledigt waren, entschieden wir uns, am Nachmittag spazieren zu gehen, während die Männer sich weiter auf der Piste austobten. Wir schlenderten also durch den kleinen aber feinen Ort und kamen dann an einer perfekt verschneiten Auffahrt vorbei, die etwas abschüssig war. Und ihr kennt doch sicher auch dieses verlockende Gefühl, wenn man so schön verschneite, ganz unberührte Flächen sieht... Und so da
chte ich „was soll's“, und rollte einmal komplett di
e Auffahrt runter. Sissel hielt mich bestimmt für durchgeknallt, aber dokumentierte das Ganze trotzdem mit ihrer Kamera.
Am Sonntag mussten wir dann bis 11 Uhr die gemieteten Hütten räumen. Die Männer gingen wieder Skifahren, und Sissel und ich nutzen den Vormittag zum Ausschlafen und Packen. Außerdem hatte ich so einen Muskelkater im gesamten Körper (sogar in Hals und Nacken!!!), dass ich mich eh kaum bewegen konnte. Mittags trafen wir dann unsere Kollegen auf der Piste, wo wir Würstchen grillten und das fantastische Wetter genossen. Herrlich, und überhaupt nicht kalt. Danach war es natürlich mal wieder Zeit für einen Wettkampf, den wir gebucht hatten. So wurden extra für uns auf der Piste Slalomfahnen aufgestellt plus Lichtschranken in Start und Ziel, um die Zeiten zu messen. Jeder musste 2x fahren, und Ziel war es, so wenig Zeitabstand wie möglich zwischen beiden Läufen zu haben. Gewonnen hat Claes mit drei hundertstel Sekunden und wurde v
on mir mit einem Siegerkuss belohnt. Das Tolle war auch, dass über uns über Lautsprecher berichtet wurde: „Heute haben wir die Firma 3nine zu einem Wettkampf hier, und als erstes sehen wir Kalle auf seinem Snowboard“. Da war ich dann auch ganz froh, dass ich wegen meines körperlichen Zustandes nicht am Wettkampf teilgenommen habe. So wurde mir wenigstens die Peinlichkeit erspart, dass ganz Björnrike über Lautsprecher über mein Können informiert wurde, so nach dem Motto „...und Yvonne kommt nach sagenhaften 18 Minuten und 46 Sekunden endlich durchs Ziel gefallen...“
Nach diesem krönenden Abschluss war es leider Zeit, den Rückweg nach Stockholm anzutreten. Ich wollte echt nicht weg aus Björnrike, es war so herrlich mit dem Schnee und meinen Kollegen. Skifahren dort hat auch überhaupt nichts mit meiner Ballermann-Vorstellung gemeinsam; es war so leer, dass man manchmal nur einen einsamen Menschen die Piste hat runterfahren sehen, und falls man am Lift anstehen muss dann für ungefähr 30 Sekunden. Jedenfalls könnte ich mir überraschenderweise tatsächlich vorstellen, mal richtig Skifahren zu lernen! Vielleicht im nächsten Jaher? Wer von euch kommt mit? Ach so, und falls ihr jemals einen meiner Kollegen trefft, der euch die Geschichte erzählt, wie ich ein Kind über den Haufen gefahren habe, dann glaubt ihm nicht. Ich würde sagen, das Kind hat mich über den Haufen gefahren. Aber wie dem auch sei - überlebt haben wir beide. Ski heil.


1 Comments:
liebe yvi, mal wieder super witzig zu lesen und "dabei zu sein"!
ich freue mich sehr, dass es dir so gut geht!!! ganz liebe grüße von der Norddeutschen Küste und gebeco ;-)!
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