Time to say goodbye
Ich weiß, es ist fast ein ganzes Jahr her seit meinem letzten Eintrag. Vermutlich wird das hier gar keiner mehr lesen, aber es ist auf jeden Fall ein Abschiedseintrag, um diesem Blog doch noch ein richtiges und würdiges Ende zu setzen.
2011 war ein sehr interessantes Jahr - das Jahr der Veränderungen. Vor allem in unserer Clique. 2009 wurden wir plötzlich zusammengewirbelt, aus allen Himmelsrichtungen, hatten eine intensive und unglaublich glückliche und
fantastische Zeit. Aber dass es uns irgendwann wieder auseinanderweht war abzusehen. Wiebke machte den Anfang und ging im Januar nach Hamburg zurück, Bert im Juli nach Frankreich. Janis hat sich in eine Schwedin verliebt, die nichts lieber wollte, als nach Frankfurt zu ziehen. So ist er mit blutendem Herzen im Oktober mitgegangen. Ebba und Michi haben geheiratet; Simone und Dietmar haben eine Tochter bekommen, und Simone und Micha noch einen Sohn. Natürlich haben wir alle noch Kontakt; aber nun meist in kleinerer Runde. Auch sonst war es allgemein ein Jahr der Veränderungen für viele meiner Freunde, sowohl in Schweden als auch Deutschland. Neue Jobs, Babys, Umzüge, Hochzeiten, Trennungen. Verrückt wie manchmal alles auf einmal kommt.
Auch für mich war und ist es ein besonderes Jahr, und auch bei mir haben sich einige Sachen getan. Nach 6 Jahren als Single habe ich die ersten 5 Monate des Jahres in einer Beziehung mit einem Hamburger Jung verbracht. Wir hatten eine sehr schöne Zeit, und auch wenn das mit der Entfernung nicht ganz so toll war, ging es doch besser, als ich jemals gedacht hätte. Naja, wir leben ja auch in Zeiten von Skype und sms :-) Leider hat es aus anderen Gründen trotzdem nicht geklappt, aber ich bin dankbar für die Zeit, die wir hatten. Ich habe viel über mich gelernt, kann ich sagen. Vor allem, dass man sicher nicht einfacher wird, je länger man alleine ist...
Im April hatte ich ein kleines Jubiläum zu feiern. 5 Jahre Schweden. Ich kann immer noch nicht glauben, wie schnell diese Zeit vergangen ist. Und ich kann immer noch nicht in Worte fassen, was diese 5 Jahre für mich persönlich bedeuten. Ich habe in diesen Jahren so viele tolle Menschen getroffen, so viele glückliche Momente erlebt, so sehr zu mir selbst und damit meinen inneren Frieden gefunden. Aber auch all das hatte seinen Preis. Die ersten 2 Jahre waren hart, und es hat mich Kraft und Energie und Tränen gekostet. Aber es hat sich gelohnt :-)
Ich bin so froh, dass ich mich damals getraut habe, den Schritt zu gehen. Es hat nicht nur meinen Lebensweg komplett geändert, sondern mich auch persönlich so viel weitergebracht. Ich bin heute viel mutiger, offener und flexibler als ich es ohne diesen Schritt jemals geworden wäre. Ich war schon immer durch und durch positiv, aber heute bin ich wirklich davon überzeugt, dass alles möglich ist. Dass alles gut wird. Dass man immer eine Wahl hat. Dass Wege dadurch entstehen, dass wir sie gehen. Augen zu und los. Oder wie Janis sagt „Hab Vertrauen in den Prozess“. Ein Spruch, den ich sehr lieben gelernt habe dieses Jahr, weil er so viel Wahres beinhaltet. Einfach die Sachen auch mal laufen lassen; gucken, was passiert und darauf vertrauen, dass am Ende schon das Richtige dabei herauskommt. Sich nicht immer zu einer sofortigen Entscheidung zwingen wollen. Hab ich mir ganz groß als Motto für die nächsten Jahre auf die Fahnen geschrieben.
Als ich 15 war, war mein größter Traum, Schwedin zu sein – einen schwedischen Pass zu
besitzen. Innerhalb der EU ist es möglich, die doppelte Staatsbürgerschaft zu haben, und in Schweden ist die Voraussetzung, 5 Jahre lang in Schweden gelebt und gearbeitet zu haben. Mir war klar, dass ich niemals wirklich Schwedin sein werde, im Herzen bin ich deutsch – und werde das vermutlich auch immer bleiben. Aber trotzdem habe ich im März den Antrag ausgefüllt und eingereicht. Und an einem sonnigen Morgen im April hielt ich die Urkunde in den Händen, die mir bestätigt, dass ich nun Schwedin bin. Ich war sehr gerührt, kann ich euch sagen, und mir sind schon ein paar Freudentränchen die Wangen heruntergekullert. Meine Kollegen haben zur Feier des Tages sogar eine Prinsesstårta gekauft – eine schwedische Sahnetorte mit grünem Marzipanüberzug, die man gerne zu besonders festlichen Anlässen isst. Ja, ich bin also tatsächlich Schwedin; habe aber noch keinen Pass. Den muss ich bei Gelegenheit mal beantragen.
Im Sommer war ich dann eine Woche segeln. Auf der Stortemelk, einem holländischen 2-Mast-Schoner. Wer mich gut kennt, weiß, dass ich nach dem Abi schon einmal so eine Reise auf einem Segelschiff gemacht habe, und s
eitdem wollte ich das immer wieder machen. Dieses Jahr habe ich das in die Tat umgesetzt, habe eine Koje gemietet und bin in Göteborg an Bord gegangen. Die Reise führte ein Stück an der schwedischen Küste entlang, dann quer bei kompletter Flaute übers Skagerrak bis an die Südküste Norwegens und dann hoch bis Stavanger. Es war eine unglaublich schöne Reise. Wir waren 20 Leute an Bord, nur Deutsche und Holländer, und ich war tatsächlich das Nesthäkchen. Die ersten 5 Tage hat es nicht geregnet, es war entweder richtig sonnig oder eben bewölkt. Die letzten 3 Tage hat es dafür umso mehr geregnet, aber auch das konnte man in die Regenklamotten eingemummelt erstaunlich gut aushalten. Das Ganze lief meist so ab, dass wir morgens die Segel hissten, um sie ungefähr 8 Stunden später wieder einzuholen. Die Zeit dazwischen verbrachten wir hauptsächlich damit, irgendwo an Deck zu sitzen, aufs Meer z
u starren und den Gedanken nachzuhängen. Oder wir beteiligten uns an der Küchenarbeit. Es war eine wahnsinnig entspannte Reise (nach einer Woche fühlte es sich so an, als wäre ich 3 Monate im Urlaub gewesen); und auch die Leute, die dabei waren, waren (fast) alle sehr nett und lustig. Ich machte mir einen Spaß daraus, denjenigen, die die Landschaft filmten ins Bild zu hüpfen und „Wir lagen vor Madagaskar“ oder „La Paloma“ zu singen. Außerdem wollte ich einen Shanty-Chor gründen, konnte aber niemanden von meiner Idee überzeugen. Komisch. Auf dieser Reise überwand ich auch meine Scheu vor kaltem Wasser. Meine Kajüten-Mitbewohnerin Ruth ließ nicht durchgehen, dass ich mich weigerte, baden zu gehen, wenn wir schon mitten in einem norwegischen Fjord liegen, und so hatte ich keine Wahl. Im Nachhinein bin ich Ruth sehr dankbar, denn natürl
ich ist es so, dass es fantastisch ist im Wasser, wenn man erst einmal drinnen ist. Dieser Sommer war also gekrönt von diversen Badeerlebnissen, auch zurück in Stockholm. Ich muss zugeben – ich habe etwas gewonnen, was mich sehr glücklich zu machen vermag. Immer gut, auch mal über seinen Schatten zu springen.
Die allerdings größte Veränderung 2011 für mich persönlich war... Burlesque. Ja, schon 2010 habt ihr gemerkt, dass dieses Thema mich gepackt hat. Ich habe angefangen, mir die Szene genauer anzusehen, und so habe ich entdeckt, dass die wunderbare Duchess Dubois von den Knicker Kittens Kurse gibt. Und so habe ich mich einfach in einem Moment geistiger Umnachtung bei einem solchen angemeldet. Und seitdem kann ich Burlesque aus meinem Leben nicht mehr wegdenken. Im Frühjahr nahm ich an 2 Kursen teil und lernte, mich zu bewegen, Handschuhe sexy auszuziehen, lasziv mit einer Federboa zu spielen, mich selber vorm Spiegel anzutanzen und dabei verführerisch zu gucken (das war die größte Überwindung). Ja, und natürlich zog ich mich aus. Gemeinsam mit und allein vor den 10 anderen Mädels in meinem Kurs. Am verrücktesten war die Stunde, in der wir zu elft vor der Spiegelwand standen und versuchten, die auf unseren Brüsten aufgeklebten Troddeln (oder Tassels, wie sie in „Fachsprache“ heißen) zum Kreisen zu bringen. Das war wohl der bizarrste Moment meines Lebens. Ansonsten war es wirklich faszinierend zu sehen, wie sich in nur wenigen Wochen ein Haufen peinlich berührter und teilweise schüchterner Mädels in selbstbewusste, schöne, sexy Frauen verwandelt, die mit Stolz vor der Welt (naja, oder zumindest den anderen Kursteilnehmern) ihre ganz normal unperfekten Körper tänzerisch entblößen. Toll! Tja, das Ganze wurde ein Selbstgänger. Angemeldet hatte ich mich nur aus Spaß, es war nicht mein Ziel, den Weg auf die Bühne zu machen.
Je weiter dieser Kurs aber doch voranschritt, je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, je mehr Auftritte ich in Clubs sah – desto mehr kam der Gedanke „vielleicht könnt' ich auch?!“. Als dann Ende Mai die Knicker Kittens ein Vortanzen hatten, weil sie neue Mitglieder rekrutierten, ging ich hin. Viel zu infiziert war ich von dem Burlesque-Virus und der Glitzerwelt. Aber die Knicker Kittens wollten mich nicht. Und einige andere Mädels aus meinem Kurs waren auch nicht genommen worden. Was irgendwie dazu führte, dass wir kurzerhand eine eigene Gruppe gründeten. Wir mieteten ein Tanzstudio. Wir gründeten einen Verein. Wir dachten uns eine Choreographie aus. Wir organisierten einen Fotografen und machen Gruppenfotos in Korsetts und Strapsen auf einem Oldtimer. Wir gaben ein Vermögen in Stoff-Läden aus und nähten uns unsere Kostüme. Wir trainierten und tanzten und lächelten und klimperten mit den Wimpern. Schwangen die Hüften, wackelten mit den Hintern. Schüttelten die Brüste. Mit Stolz kann ich verkünden, dass wir gerade unsere erste Nummer gefilmt haben, so dass wir jetzt endlich das nötige Material haben, um uns um Auftritte zu bewerben. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich immer noch völlig verwundert über all das. Vor einem Jahr hätte ich das nicht geglaubt. Ich hatte nie in meinem ganzen Leben das Bedürfnis danach, auf einer Bühne zu stehen- schon gar nicht so gut wie nackt. Ich war – abgesehen von meinem Schuhtick – schon immer völlig uninteressiert an Klamotten. Und jetzt das. Keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Wobei es mir vor dem allerersten Auftritt wirklich graust... Aber ich liebe meine Burlesque-Utensilien. Kunstwimpern, Glitzer, Pailletten, Federboas, Korsetts, Strümpfe mit Naht oder aus Netz, Mieder, Kopfschmuck, edle Kleider... Vielleicht ist es einfach ein bisschen wie Fasching. In eine Rolle schlüpfen. Dem Alltag entfliehen, jemand ganz anderes sein. In dieser Rolle Dinge tun zu können, die man sonst nicht tut. Falls ihr noch nie auf einer Burlesque-Show wart – geht hin! Es lohnt sich, es ist toll. Es ist eine andere Welt.
Also, liebe Leser. Danke für euer Interesse; aber es Zeit, Adieu zu sagen. Zumindest in der digitalen Welt.
Und weil ich Sprüche und Lebensweisheiten so liebe, hier meine Abschiedsworte:
Jedes Abenteuer ist nur eine Entscheidung von dir entfernt.













