Donnerstag, April 24, 2008

Feierabend

17 Uhr, der Stift fällt, Computer runtergefahren, ab nach Hause. 17:12. Ich stehe in meiner Küche, und kann immer noch nicht glauben, dass ich JEDEN Tag so früh Feierabend machen kann. Ganz regulär. Und dass ich auf Grund der perfekten Lage meiner Wohn- und Arbeitsstätten zueinander auch noch so viel Zeit spare. Auch nach zwei Monaten im neuen Job geht es mir gut, ich LIEBE meine Arbeit, meine Kollegen und meine lustigen Chefs immer noch, und merke immer noch, dass ich ein anderer Mensch bin. Ganz deutlich geworden ist es mir diese Woche. Das Wetter war traumhaft, und statt mich nach Feierabend auf mein Sofa oder vor den Rechner zu werfen, wie ich es meistens die letzten zwei Jahre gemacht habe, war ich auf einmal nach einem ganzen Tag Arbeit noch voller Energie, so dass ich mir ein paar Sachen (Buch, Musik, Abendessen, Kaffee in der Thermoskanne) geschnappt habe, in drei Minuten zum Wasser spaziert bin, und es mir da gemütlich gemacht habe. Was für ein Luxus, was für ein Geschenk, was für ein Traum, dass ich hier wohne! Und das allerallerunglaublichste überhaupt ist, dass ich nochmal einen Versuch im Fitnessstudio unternehme. Es liegt halt genau zwischen meiner Arbeit und meiner Wohnung, und mit dem Argument "ich hab keine Zeit" kann ich ja nun echt nicht mehr kommen. Und man wird ja nicht jünger und braucht - angeblich - auch etwas Bewegung. Und da hatte ich doch also tatsächlich gestern nach der Arbeit noch so viel Energie übrig, dass ich einen Muskel-Kurs besucht habe. Und das erste Mal in meinem Leben hat mir Sport sogar Spaß gemacht! Das traue ich mich ja fast nicht zu sagen! Und das obwohl mir heute alles weh tut. Naja, mal sehen, wie es weitergeht. Ich glaube übrigens, dass meine Abneigung gegen Sport daher kommt, dass Schulsport für mich immer traumatisch war. Am schlimmsten beim Mannschaftssport, wenn die Teams gewählt wurden. Ich war nämlich immer die Vorletzte, nach dem Motto "bevor wir die dicke Andrea kriegen, nehmen wir lieber Yvonne". Das baut nicht gerade auf (wobei Andreas Trauma sicher noch schlimmer als meins ist). Werden Sportlehrer eigentlich in Psychologie/Pädagogik geschult??? Oder die bekloppten Jungs, die einen angeschrien haben, weil man einen Ball nicht gefangen hat und geheult haben, wenn die eigene Mannschaft verloren hat. Jaja, die Tücken der Schule. Wie dankbar ich doch war als ich wegen einer Wachstumsstörung am Knie für zwei Jahre vom Sportunterricht befreit wurde... Oder als wir uns in der Oberstufe die Sportkurse selber wählen durften, und ich mich für Judo und Tischtennis entschied. Bin ich froh, dass das vorbei ist... Dafür fange ich jetzt eben mit meiner freiwilligen Sportkarriere an. Mal sehen, wie lange ich durchhalte - Ehrgeiz, Disziplin und Durchhaltevermögen zählten noch nie zu meinen Stärken...

Sonntag, April 06, 2008

Wenn Frauen verreisen

Wieder einmal war es Zeit für einen Kurzurlaub an meiner geliebten Westküste, und wer anders kommt dazu in Frage als mein alter Expeditionskumpel Royal Scott, alias Wiebke, mit der ich schon 2005 und 2006 diesen Teil Schwedens unsicher gemacht hatte? Im Januar überlegten wir uns, dass sich Ostern als Termin anbieten würde, sahen uns die Flüge ab Hamburg und die Züge ab Stockholm an, waren begeistert von den unglaublichen Schnäppchenpreisen und buchten kurzerhand. Wie sich kurze Zeit später herausstellen sollte, waren die Preise nur so günstig, da wir Seppel uns vertan und die Woche nach Ostern gebucht hatten... Nun ja, dann mussten wir eben Urlaub nehmen. So fuhr ich dann am 28. März mit dem Zug gen Westen, wo ich Wiebke in Göteborg am Flughafen mit einem noch schnell gebastelten Schild empfing, auf dem gross „Royal Scott“ zu lesen war. Dann holten wir unseren Mietwagen ab, der sich als furchtbar hässlicher bronzefarbener (und das ist nur ein charmanter Ausdruck für „Braun“) Nissan mit kastigem Heck entpuppte. Nun ja, ein Saab oder Volvo wäre uns lieber gewesen, aber so machten wir uns mit dem Nissan auf in Richtung Norden. Auf der Insel Orust hatten wir eine kleine Hütte gemietet, die Wiebke noch von einem früheren Aufenthalt kannte. Die Hütte war ca 8 qm gross und sollte nun also für die nächsten 4 Nächte unser Zuhause sein. Nun gut, das entsprach nicht meinem gewohnten 4*-Standard, aber basic muss ja auch mal gehen, und es war schon sehr gemütlich und nett (wenn man von der Luxusvilla der Besitzer absah, die ca. 20x so gross direkt neben uns lag und hämisch auf uns herabblickte)! Leider hatte es angefangen zu regnen, so dass wir keinen Spaziergang unternahmen, sondern auspackten, ein paar Butterbrote einschmissen und dann versuchten, es uns auf dem oberen Bett des Etagenbettes bequem zu machen, was uns auch einigermassen gelang. Ich hatte mein Laptop mitgenommen, und so konnten wir dann am Abend (und den 3 anderen Abenden auch...) einen Film gucken, Süssigkeiten essen und Tee trinken. Am Samstag war das Wetter leider genauso bescheiden wie am Abend davor, und so beschlossen wir, in eine 30 km entfernte Shoppingmall zu fahren, andere Alternativen hatten wir angesichts des Wetters auch kaum... So ein Tag kann ja schon schnell vergehen, und als ordentliche Frauen haben wir natürlich in erster Linie Schuhe gekauft, ein Paar für mich und ganze drei Paar für Wiebke. Am Abend war es dann doch noch schön geworden und so beobachten wir in unserem Lieblingsort Mollösund den Sonnenuntergang. Am Sonntagmorgen wurden wir um 07:15 wach (bzw. 08:15 wenn man an die Umstellung auf Sommerzeit denkt), die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, das Meer rauschte leise in der Ferne – und es passierte etwas ganz unglaubliches: ich stand auf! Freiwillig! Um diese Uhrzeit an einem Sonntag! Wir frühstückten, waren voller Tatendrang und mussten dann mit ansehen, wie die Sonne langsam wieder von Wolken verdeckt wurden. Egal, so lange es nicht regnete waren wir guter Dinge. Wir machten uns auf zur Nachbarinsel Tjörn, liefen dort ein bisschen rum, kletterten über Felsen, sahen aufs Meer und bekamen dann doch die ersten Tropfen ins Gesicht. Das war weniger gemütlich, und so fuhren wir schliesslich ins renommierte Aquarellmuseum, dessen Ausstellung leider recht klein und damit enttäuschend war. Dafür war das angrenzende Restaurant umso netter, mit einem tollen Blick auf Felsen und Wasser. Dort machten wir es uns gemütlich, verspeisten ein köstliches Mittagessen und wurden vom Personal zum Nachtisch auf ganz köstliche Schokotrüffel eingeladen, weil wir angeblich auf das Hauptgericht so lange warten mussten (was uns nicht mal aufgefallen war). Im Anschluss fuhren wir zum Einkaufen in die Stadt Stenungsund, wo wir im Supermarkt zwei Doppel-CDs mit 70er- und 80er-Jahre-Musik ergatterten, die ab da bei uns im Auto auf voller Lautstärke liefen und zum wilden Mitsingen animierten. Besonders Bonnie Tylers „Holding out for a hero“ hatte es uns angetan. Der Montag war leider auch verregnet, so dass wir relativ spät aufstanden, uns beim Frühstücken viel Zeit liessen und uns dann aufmachten nach Lysekil, was eine nette Strecke ist, da man drei Fähren nutzen muss. Da das Wetter nicht zum Draussensein einlud, bummelten wir schliesslich durch die Läden und landeten fatalerweise wieder in einem Schuhgeschäft... Kurz vor Feierabend kaufte ich dort zwei Paar und Wiebke eins, damit haben wir dem Laden sicherlich den Wochenumsatz gerettet. Wahrscheinlich haben wir sowieso der ganzen Schuhindustrie an der Westküste zu einem Boom verholfen und Arbeitsplätze gesichert. Auf der Rückfahrt kam es dann auch noch zu einem schönen Lacher, als Wiebke sich bei einem Bewunderungsausruf nicht entscheiden konnte, ob sie „Alter Schwede“ oder „Alter Falter“ sagen sollte, und formulierte diplomatisch ein flottes „Alter Schwalter“. Zurück auf unserer Insel am Abend war das Wetter wieder herrlich (so wie in Kiel, da ist es abends auch immer schön), und die See ganz spiegelblank und ruhig, und so machten wir einen Spaziergang durch das ausgestorbene Mollösund und träumten davon, auch eins dieser Häuser zu besitzen... Dann sahen wir noch einen wundervollen Sonnenuntergang und fuhren dann nach Hause, um zu kochen. So war denn unser letzter Abend auch schnell vorüber, und am Dienstagmorgen mussten wir schon wieder Richtung Göteborg aufbrechen. Die ganzen Schuhe zu verstauen war denn auch gar nicht so einfach... (Dass ich mir gerade vorher auch noch 3 Paar bei eBay ersteigert hatte erzähle ich lieber nicht - nicht, dass ihr noch denkt, ich hätte irgendwie einen Schuhtick...) Und so sehen also zwei Frauen aus, wenn sie ein paar wundervolle Tage Urlaub hatten:

Dienstag, April 01, 2008

Auf ins dritte Jahr

Heute bin ich seit genau zwei Jahren in Schweden. Und es waren zwei ereignisreiche, spannende aber auch anstrengende Jahre, die hinter mir liegen. Nicht immer nur schön, muss ich sagen. Abenteuer haben ihren Preis. Aber jetzt, nach zwei Jahren, bin ich schliesslich an einem Punkt angelangt, an dem ich mich zurücklehnen und geniessen kann. Ich habe meinen Platz gefunden. Nach und nach. Erst kamen die Menschen. Fremde, in derselben Situation wie ich. Durch das gemeinsame Schicksal – als Ausländer in Schweden – zueinander gefunden und aneinander hängen geblieben. Und aus diesen schicksalhaften wie zufälligen Begegnungen ist ziemlich schnell Freundschaft gewachsen. Nun sind wir eine feste Clique mit den dazugehörigen Männern (naja, meiner fehlt noch), treffen uns regelmässig und machen unglaublich viel zusammen. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Dinge unternommen wie in den letzten zwei Jahren. Schwedische Feiertage, Strassenumzüge, Parties, Ausflüge, Bowling, Restaurantbesuche, Brunch, Kino, Singstar... Die Liste ist endlos. Das Schöne ist, dass wir alle keine Pläne haben, Stockholm zu verlassen; ich sehe also rosigen, schönen und lustigen Jahren und Jahrzehnten entgegen. Ich bin also sehr glücklich und dankbar, die Mädels und Jungs an meiner Seite zu haben; vor allem hat mich der Gedanke an unseren gemeinsamen Abende und Tage mich am Leben gehalten, als ich drohte, in meinem alten Job unterzugehen. Aber das Problem hat sich zum Glück ja gelöst. Seit ich meinen neuen Job habe fühle ich mich auch ganz anders. Eine Last ist verschwunden, da ich nicht mehr ununterbrochen 24 Stunden an die Arbeit denke und von Panikgefühlen ergriffen werde, weil ich Angst habe, nicht alles zu schaffen. Ich geniesse es vollkommen, wieder nur noch ein normaler Mensch zu sein mit einem normalen Job, und nicht ein Arbeitssklave mit einem Fünkchen Freizeit. Das macht für die ganze Lebensqualität so viel aus, dass ich es fast nicht glauben kann. Ich bin viel entspannter, fitter, fröhlicher, ausgeglichener, und mein Optimismus ist wieder voll da. Ich freue mich auf einen stressfreien Sommer mit hoffentlich viel Sonne, guter Laune und schönen Erlebnissen. Ansonsten fühle ich mich noch wohl in meiner Wohnung, in meiner Wohngegend und im unvergleichlich wunderbaren wunderschönen Stockholm. Ich habe das Richtige getan vor zwei Jahren, auch wenn es wie gesagt keine leichten Jahre waren. Und natürlich fehlen mir meine Freunde in Deutschland. Immer noch und irgendwie auch immer mehr. Es ist ja unmöglich, euch alle regelmässig zu sehen... Aber ich muss auch euch danken, denn auch wenn ich weit weg bin, seid ihr mir in all den zwei Jahren treu geblieben, habt mich unterstützt, mich besucht, mir e-mails geschrieben. Und auch wenn ich mich eine Zeit lang nicht melde: ich denke an euch, vermisse euch und wünsche mir, wir könnten uns öfter sehen. Ich hoffe, ihr wisst das! Tja, so gehe ich also nun in mein drittes Jahr. Inzwischen bin ich dem Schwedisch so mächtig, dass ich mich problemlos (wenn auch nicht perfekt) über alles unterhalten kann. Durch den neuen Job fühle ich mich auch so richtig „dazugehörig“. Für meinen ersten Job habe ich kein Schwedisch gebraucht, aber diesen Job jetzt habe ich nur bekommen, weil mein Schwedisch entsprechend gut ist – das ist schon ein tolles Gefühl! Und langsam ist es auch soweit, dass ich nicht immer sofort auf Grund meines Akzentes als Deutsche entlarvt werde ;-) Um das Ganze weiterhin zu perfektionieren habe ich mich auch folgendermassen an mein Gastland angepasst:
  • ich habe einen Käsehobel und ein Buttermesser aus Holz
  • ich sage mil (also Meile) statt Kilometer
  • ich kann die Refrains einiger schwedischer Schlager mitsingen
  • ich sehne mich nach dem Sommer und habe Winterdepressionen
  • ich mache um 11:30 Mittagspause
  • ich baue Wörter wie "jaha" (achso) "precis" (genau) und "faktiskt" (tatsächlich) auch in deutsche Sätze ein.
  • Aber daran erkennt man, dass ich noch nicht vollends eingeschwedischt bin:

  • ich tanze bei Konzerten
  • ich laufe mit Schuhen in der Wohnung rum
  • ich spreche englische Wörter auch englisch aus
  • ich rotze nicht auf die Strasse
  • ich trage im April noch lange Hosen oder Röcke mit Strumpfhosen
  • ich spiele kein Golf