Sonntag, Juli 30, 2006

Auf dem Land

Übers Wochenende war ich wieder mit Simone und Michael auf Ulrikslund, dem Hof von Simones Familie. Grund des Besuches war der "Malmamarken", eine Art Jahrmarkt, der in dem Städtchen Malmköping stattfindet, und den zu besuchen es ein Vergnügen ist wegen all der Kuriositäten... In Malmköping ist das ganze Jahr über nix los, deswegen ist der Markt an sich das Ereignis des Jahres. Auch wir sind also hingefahren, weil Simone sich noch aus ihrer Kindheit daran erinnert, wie aufgeregt die ganze Familie immer war, wenn es Zeit für den Markt war. Und so spazierten wir in der Hitze zwischen all den Ständen hin und her und bestaunten Dinge, die die Welt nicht braucht. Kitsch, unsinnige Haushaltsgegenstände, unsäglich hässliche Klamotten, Spitzendecken, Bürstenmacher, Krimskrams, eine unfassbare Anzahl an Ständen mit Heavy Metal-T-Shirts, CDs (vornehmlich mit so unglaublich bekannten Stars wie der Rock-Olga, die "Elvis und andere Hits" singt...), Kinderspielzeug und anderem Unfug. Aber - ganz Malmköping war unterwegs. Und auch das ist schon Show genug. Denn im Gegensatz zum echt schicken Stockholm gab es hier Menschen zu bestaunen, die ihre Klamotten scheinbar wirklich an den Ständen des Marktes kaufen, hua, mich schauert es jetzt noch, wenn ich dran denke. Ich habe noch nie so viele mittelalte Damen in bauchfreien Tops gesehen (nicht dass sie selber bauchfrei gewesen seien, nein, im Gegenteil), wahnsinnig viele Männer stellten ihre Brustwarzen-Piercings und tätowierten Oberkörper zur Schau uns so einige Mädels trugen sehr enge und kurze Röcke, aber leider 2 Nummern zu klein. Der Knaller war allerdings eine Frau, die uns in einem türkisen Kleidchen entgegenkam, das so kurz war, dass wir uns fragten, ob es nicht eher ein Top sein sollte... Von hinten konnten wir dann feststellen, dass sie ein ganz enges und kurzes Höschen trug. Nun gut, Hot Pants sind in dieses Jahr, aber ich glaube, die Dame hat da was falsch verstanden... Interessant auch das grossartig angepriesene Unterhaltungsprogramm, das auf dem Foto von Michael präsentiert wird. Wobei ich mir hab sagen lassen, das Lasse Berghagen in Schweden wirklich sehr bekannt und beliebt bei jung und alt ist... Ja, aber es war doch nett, das Landleben mal so zu sehen. Hui, wie schön, dass wir in die Grossstadt zurück konnten (nachdem wir am Nachmittag noch ein wenig an einem schönen schwedischen See gelegen und Simone und Michael sogar gebadet haben).

Dienstag, Juli 25, 2006

Allsång

Jeden Dienstag im Sommer sind zwischen 20 und 21 Uhr die Strassen im ganzen Land leergefegt. Aber nicht, dass es totenstill wäre, nein, denn knapp 9 Millionen Menschen sitzen vorm Fernseher, singen lustige Lieder, schunkeln im Takt und klatschen in die Hände - es ist Allsång! Allsång ist ein Phänomen, und ich habe es mir heute zum ersten Mal angesehen. Und zwar handelt es sich dabei um eine wilde Mischung aus Karaoke, Musikantenstadl und Top of the Pops. Was früher nur für Omis und Opis war, lockt jetzt die Jugend. Ja, einfach alle Generationen werden bei diesem Spektakel fröhlich vereint, ein ganzes Land ist verrückt danach. Jeden Dienstag im Sommer findet Allsång (frei übersetzt mit "Gesang für alle") auf der Bühne des Stockholmer Freilichtmuseums Skansen statt und wird von dort live ins ganze Land übertragen. Es gibt einen Moderator und wöchentlich wechselnde Gäste; also Musiker, Sänger, Bands, die jeweils ein, zwei eigene Stücke spielen und danach dann schwedisches Allgemein-Liedgut von sich geben. Jeder Zuschauer auf Skansen hat ein Liederbuch mit dem jeweiligen Text, und für die Zuschauer zuhause wird der Liedtext karaokemässig eingeblendet. Mein Gott, was ist das für ein Spass! Ich habe natürlich in völlig falschem Schwedisch und ohne jegliche Melodiekenntnis mitgeschmettert - ich sag's Euch, ich werde noch zur richtigen Schwedin! Aber schlechter als so mancher Zuschauer, dem während der Show das Mikro unter die Nase gehalten wird, damit er die Nation mit seinem schiefen Krächzen beglückt, war ich auch nicht. Übrigens, wer im Publikum live dabei sein will, sollte früh aufstehen. Ich habe mir sagen lassen, dass die ersten Besucher morgens um 5 Uhr auftauchen, um einen der begehrten Plätze zu ergattern! Der erste Showact heute war Eric Gadd (dem einen oder anderen vielleicht als schwedischer Soulsänger bekannt), anschliessend folgte unser aller Darling Gitte Haenning, die aber diesmal keinen Cowboy zum Mann wollte, sondern schön Schwedisch sang. Hinterher plauderte sie ein bisschen über Ihre Tour durch Deutschland zusammen mit Wencke Myhre und Siw Malmkvist und gab augenzwinkernd bekannt, dass deutsche Männer auf Skandinavierinnen stehen... Der Moderator verabschiedete sie schliesslich auf Deutsch mit "Bis bald". Bevor der nächste Star, ein 17-jähriger Teenie mit dem wahnsinnig aufregenden Namen Agnes, auf die Bühne kam, kam noch ein wirklich lehrreicher Beitrag darüber, was kleine Igel fressen. Fragt mich nicht nach dem Zusammenhang - ich war gerade kurz in der Küche und habe es leider nicht mitbekommen. Agnes sang auch nicht besser als so mancher Laien-Sänger im Publikum, aber das Gekreische der jungen Mädels sagte mir, dass aus Agnes wohl noch was werden wird. Danach betrat ein ältlicher Herr mit seiner Klampfe die Bühne, und erstaunlicherweise gingen die Mädels in der ersten Reihe noch mehr mit als bei Agnes und sangen noch viel lauter. So als würden bei uns die Massen vor Begeisterung durchdrehen, wenn Reinhard Mey auf die Bühne kommt. Erstaunlich. Ich muss schon sagen, ich gehe heute schwer beeindruckt ins Bett - und freue mich schon auf den nächsten Dienstag, wenn es wieder heisst "Välkommen till Allsång på Skansen!"...

Samstag, Juli 22, 2006

...eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön...

Als ob es nicht schon reicht, dass man als einziger Mensch in ganz Schweden den Sommer durcharbeiten muss, nein, damit nicht genug, es geht noch schlimmer. Kreuzfahrtschiffe. Massen. Und sie ankern genau vor meinem Bürofenster. Werden morgens mit Blaskapelle empfangen, mich empfangen 25 neue e-mails im Eingangskorb. Dann sitzen sie dort, die Grauköpfe, und bekommen ihr Frühstück an Deck serviert, während ich mir zwischen Papierstapeln und Aktenordnern ein Kitkat reinziehe, damit meine Nerven den Tag überstehen. Sie sonnen sich, ich sitze unter Neonröhren. Sie spielen Tischtennis und Shuffleboard, ich renne zwischen Schreibtisch, Drucker und Kopierer hin- und her. Sie relaxen, und ich haue in die Tasten. Sie trinken Cocktails, und ich ziehe mir mittags schnell mein Fertiggericht rein. Sie haben abends Tanz am Pool, bei mir tanzen nach 11 Stunden Bildschirmarbeit nur Punkte vor den Augen. Und das alles passiert 10 Meter Luftlinie entfernt. Könnt Ihr Euch denken, wie frustrierend das ist? Aber ich habe es mir schon zum Hobby gemacht, lustige Kreuzfahrt-Szenen zu fotografieren (sowohl Passagiere als auch Crewmitglieder) und möchte Euch gerne daran teilhaben lassen. Ich vermute, es werden nicht die letzten Bilder sein. Und eine Frage geht mir überhaupt nicht mehr aus dem Kopf: warum tragen alte Leute immer beige?

Sommarstängt

Der Schwede an sich lebt für den Sommer. Und deswegen gibt es sogar das Gesetz, dass jeder Arbeitnehmer im Sommer ein Recht auf 4 Wochen Urlaub am Stück hat (selbstverständlich sind die armen Säue, die im Incoming-Tourismus arbeiten, von dieser Regelung ausgeschlossen). Das führt sogar dazu, dass einige Firmen "Sommerarbeitszeiten" haben, d.h. im Sommer werden am Tag weniger Stunden gearbeitet; im Winter dann dafür wiederum mehr. Im Prinzip ist ganz Schweden "sommarstängt", also "sommergeschlossen". Egal wo man hinkommt oder anruft - der Ansprechpartner ist bis Ende August (!!!!) im Urlaub. Bis dahin kann natürlich auch niemand anderes weiterhelfen, denn auch die sind alle im Urlaub. Und der, der gerade an der Strippe ist, ist nur Sommerhilfe und weiss ausser wie man ein Telefon bedient gar nix. Tyvärr - leider. Tja, da muss man durch, und legt kopfschüttelnd wieder auf. Du hast Dir das Bein gebrochen? Hm, dumm, denn der Arzt schippert gerade mit seiner Segelyacht durch die Ägäis; das kann doch sicher warten bis Mitte August, das mit dem Bein. Dein Fahrrad hat einen Platten? Ja, dann musst Du eben die nächsten 5 Wochen Bus fahren - der geht allerdings auch nicht so häufig wie im Winter, da musst Du schon genau auf den Fahrplan gucken. Du brauchst eine Wohnung? Gut, am 1. September ist der Makler braungebrannt aus seinem roten Sommerhaus zurück. Alternativ hat Stockholm einige sehr schöne Brücken - und warm genug ist es ja, es ist ja schliesslich Sommer. Und Schweden im Ausnahmezustand.

Samstag, Juli 15, 2006

Ein Kessel Buntes

Heute mal eine Zusammenfassung vieler kleiner Erlebnisse in letzter Zeit, ich komme ja zu nix. Mist. Daraus lässt sich schliessen: ich arbeite immer noch viel, genau. Aber die Saison neigt sich ganz stark dem Ende, von daher bin ich guter Hoffnung, dass ich vielleicht im August noch ein bisschen was vom Sommer haben werde. Falls da noch Sommer ist, und nicht schon Herbst - man weiss ja nie... Und ausser Arbeit? Hmmm, jaaaa, nicht viel, muss ich sagen. Fussball? Ja, das Halbfinale gegen Italien habe ich mir nochmal in der Sportsbar angetan. Mit Simone und 2 ihrer Kolleginnen. Es waren einige Deutsche da, unter anderem auch 2 kleine, unschuldig aussehende 20-Jährige. Lustigerweise stand aber Simones sehr extrovertierte und offene Kollegin (22) auf einen der beiden Jungs und baggerte den ganzen Abend rum, was mich so sehr amüsierte, dass ich mehr darauf achtete als aufs Spiel. Die beiden Jungs waren vor Aufregung auch ganz aufgelöst, und ich musste andauernd Fotos machen von den dreien (ich bin mir sehr sicher, dass die Jungs zuhause fantastische Geschichten von willigen blonden Schwedinnen erzählen...). Ansonsten endete der Abend ja in einer Enttäuschung und ab da vergrub ich meinen Nationalstolz wieder im Kleiderschrank. Dann war ich an einem Wochenende mit Simone in dem Museum "Millesgården". Auf einer Insel hat der Bildhauer und Künstler Carl Milles ein wunderschönes Anwesen mit einem herrlichen Terrassen-Garten. Seine Skulpturen stehen zum Teil auf Säulen, so dass man als Hintergrund Himmel hat, wenn man sie anschaut, und insgesamt hatten wir das Gefühl, eher in der Toskana zu sein als in Stockholm. Anschliessend sind wir zu einem Restaurant weitergefahren, das direkt am Meer liegt und im "Newport-Style" eingerichtet ist, also viel Weiss, Braun und Blau und wunderschön maritim, und von dort sind wir mit dem Schiff zurück in die Stadt, wo wir dann noch lange in einem Café gesessen haben und es uns haben gut gehen lassen. An solchen Tagen weiss ich, dass sich die Strapazen und die viele Arbeit hier lohnen, denn diese Stadt ist so einmalig und wundervoll und unvergleichbar, dass mein Bauch vor Freude kribbelt und mein Grinsen von einem Ohr zum anderen reicht. Leider war ich letztes Wochenende so faul, dass ich gar nichts gemacht habe, aber irgendwie muss das auch mal sein. Ausserdem habe ich das Gefühl, es wird nicht der letzte Sommer sein, den ich in Stockholm verbringe. Aber ein bisschen packt mich schon das schlechte Gewissen, wenn ich so rein gar nichts tue... Und was noch? Franz ist noch da, und er ist nicht mehr alleine. Er hat eine WG gegründet (kein Wunder bei den Mietpreisen hier). Es waren mal vier haarige Gesellen insgesamt (wobei Franz der Grösste war), jetzt habe ich seit Tagen nur noch 3 gesehen, und mag nicht so richtig darüber nachdenken, wo der vierte geblieben ist... Uah, mich kribbelt's schon... Weitere Neuigkeiten sind, dass ich Anfang August in Köln bin, weil dort eine Messe sein wird, auf der ich Kunden treffen soll. Oh Gott, geografisch bin ich echt noch eine Null, was Norwegen betrifft... Egal, wird schon werden... Ist bestimmt komisch, in Deutschland zu sein nach so langer Zeit; aber viel werde ich ja nicht mitkriegen. Ganz anders allerdings dann im September, denn dann werde ich nach Hannover fliegen und nach Braunschweig und meine alte "Heimat" Wolfsburg fahren, da dort ein Jahrgangstreffen stattfindet - denn ich habe seit 10 Jahren Abi (Glückwunschkarten und Geschenke gerne an die bekannte Adresse). Himmel wie schnell 10 Jahre vergehen - es ist unglaublich! Aber ok, es ist ja auch ein bisschen was passiert. Jedenfalls habe ich mich total gefreut, als ich meinen Flug gebucht habe - es war ein echt schönes Gefühl zu wissen, dass ich nach Deutschland fliege und ein paar meiner Freunde treffe. Juhuuuu! Bin auch sehr gespannt, was aus einigen Klassenkameraden geworden ist. Neulich habe ich von dem Treffen geträumt - alle hatten graue Haare und waren unheimlich gewachsen. Nun ja, ich hoffe, uns ist das Alter so extrem dann doch nicht anzusehen. Aber schliesslich werde ich ja doch noch 30 dieses Jahr, hm, die knackigen jugendlichen Jahre sind wohl endgültig vorbei, was?