Sonntag, April 30, 2006

Meine Initialien sind ein schwedisches Wort!

Eine Kollegin teilte mir vor ein paar Tagen mit, dass "yr" ein schwedisches Wort ist, und so viel bedeutet wie "schwindelig, taumelig, wirr". Was soll mir das nun wieder sagen? Und: haben meine Eltern das mit Absicht gemacht???

"...I'm on the highway to hell..." - Busfahren in Stockholm

In Stockholm mit dem Bus zu fahren ist schon eine ganz besondere Angelgenheit. Man muss in jedem Fall vorne einsteigen und seine Fahrkarte vorzeigen bzw. kaufen, falls man keine hat, und dabei grüsst man den Busfahrer freundlich mit einem schmissigen "Hej!" - und er lächelt und grüsst zurück. Das ist schon manchmal lustig, wenn viele Leute in den Bus einsteigen und nur kurz ihre Fahrkarte zeigen und es dann in einer Tour "hej - hej - hej - hej - hej - hej - hej" geht. Aber das Beste ist, dass die Busfahrer Radio hören oder sogar ihre eigenen CD-Spieler dabei haben. Da kommt es also auf die Vorlieben des Fahrers an, was man so im Bus hört. Das reicht von klassischer Musik über Rock und Pop bis hin zu Schlagern. Mein schönstes Erlebnis war allerdings, als ich im Laufe der Woche morgens um halb 9 in meinen Bus kletterte, und mir eine volle Dröhnung Heavy Metal entgegenkam - schön so laut, dass auch alle Fahrgäste etwas davon haben (besonders die Omis sahen schon etwas zerknittert aus). Zwischendurch war ich echt versucht, aufzuspringen, den rechten Arm mit Teufelszeichen in die Luft zu recken und dazu wild meine Mähne zu schütteln. Zwischendurch dann noch ein bisschen Luftgitarre spielen... Aber ich habe mich zusammengerissen, sonst wären die Omis vielleicht noch ganz durchgedreht. Ausserdem - wie hätte es von aussen ausgesehen? Stellt Euch vor, Ihr steht da an der Strasse, ein Bus fährt vorbei, und Ihr seht, wie ein Fahrgast headbangend und luftgitarrespielend von vorne nach hinten hüpft. Nein, nein, ein bisschen Disziplin muss sein. Und falls Ihr schon immer einmal an einem Formel 1-Rennen teilnehmen wolltet, kann ich sehr empfehlen, am Abend Bus zu fahren. Da geben die Fahrer richtig Gas, peitschen um die Kurven, machen an den Haltestellen eine Vollbremsung, nur um dann wieder in 10 Sekunden von 0 auf 100 zu kommen. Hui, das ist ein Spass.

Sonntag, April 23, 2006

Inneboende - mein Leben als Untermieter

Nun bin ich ja bereits seit 3 Wochen Untermieter - oder eben "inneboende", wie man auf Schwedisch sagt - bei Glenn und Anita, und es gibt schon so einige kleinere Anekdoten und Auffälligkeiten zu berichten. Als erstes fällt mir immer die Aussicht ein, aber darüber habe ich ja schon geschrieben. Sie ist immer noch unglaublich. Was mir dann beim Einzug als zweites auffiel war, dass die Küche etwas dreckig ist. Ich frage mich, ob das bei den Schweden so normal ist? Als ich vor 5 Jahren während meines Praktikums bei meinem lieben Vermieter Herbert wohnte, war die Küche auch schmuddelig. Ausserdem riecht es in den Schränken und im Kühlschrank sehr nach Essig. Ich vermute, ich habe damit Anitas Hobby entdeckt: Einmachen. In jedem Schrank stehen Unmengen Essiggurken, eingemachte Rote-Beete und andere eingelegte Gemüsesorten. Wahrscheinlich hat sie nichts besseres zu tun den Sommer über in ihrem Häuschen auf dem Lande. Sehr speziell ist in Schweden auch immer das Badezimmer. Denn die Badewannen und Duschen sind meistens nicht integriert, gefliest und mit Silikon verspachtelt, so wie wir es kennen. Bei Duschen ist es oft so, dass die Brause einfach aus der Wand kommt, und man mitten im Raum duscht, so dass alles nass wird. Es gibt auch keine Duschwanne. Im Boden befindet sich einfach ein Abfluss, der etwas tiefer gelegt ist, so dass alles Wasser da reinläuft. Hier bei Glenn und Anita gibt es nur eine Badewanne. Und die steht sozusagen frei. Man kann also hinter und unter die Wanne gucken. Aus dem eigentlichen Badewannen-Abfluss geht dann ein Schlauch in den Abfluss, der im Boden eingelassen ist. Wenn man also in dieser Wanne duscht, läuft das Wasser auch an der Wand runter auf den Boden. Ich finde das alles etwas merkwürdig. Der Boden ist auch nicht gefliest, sondern es handelt sich einfach um PVC. Jedesmal nach dem Duschen habe ich die Befürchtung, dass der Nachbar von unten kommt und sagt, dass es durch die Decke tropft. Aber es scheint alles zu funktionieren. Es ist nie Wasser VOR der Wanne, also läuft tatsächlich alles von hinten gleich in den Abfluss. Naja, ich weiss nicht, ob das alles so richtig ist... Aber ich bin ja noch in Deutschland haftpflichtversichert - was soll's... Ein Erlebnis war auch, als ich das erste Mal gestaubsaugt habe. Denn ich glaube, das hat sehr lange vor mir keiner gemacht. Es knuschelte und knisterte und klackerte nur so im Saugrohr, es war eine echte Freude. Und vor allem saugte ich soviele Katzenhaare auf, dass ich mir daraus tatsächlich eine hätte basteln können. Glenn und Anita haben nämlich zwei Katzen (die natürlich nicht hier, sondern im Haus sind), und die sind auch noch weiss, so dass man die Haare auch schön auf all meinen schwarzen Klamotten sieht. Beim Saugen stiess ich auch zweimal auf kleine wuschelige Spielmäuse, die an unübersichtlichen Stellen versteckt lagen, und mir einen ordentlichen Schrecken einjagten... Himmel. Da lagen sie und guckten mich mit frechen Knopfaugen an. Uah. Interessant war aber, dass ich zum ersten Mal nicht haufenweise meine Haare in der Staubsaugerbürste hatte, sondern eben ganz viele weisse Katzenhaare. Endlich haart mal jemand mehr als ich! Schön war auch, als ich nach dem ersten Waschen meine Klamotten aus der Maschine holte. Katzenhaare, über und über. So holte ich mir auch mit als erstes einen dieser Fusselroller mit Klebefolie. Eine tolle Erfindung ist das, das muss ich schon sagen. Glenn an sich ist ca. zweimal die Woche über Nacht hier, weil er dann scheinbar am nächsten Morgen Termine hat. Lustigerweise ist er immer genau an den Abenden da, an denen ich was vorhabe. Meistens sitze ich ja nun ab 18:30 hier und drehe Däumchen, weil ich keine Sau kenne, aber immer wenn ich mich mit Simone treffe (die Düsseldorferin, die ich vorher übers Internet kennen gelernt habe, und die auch im April hier angefangen hat zu arbeiten) oder wie letzte Woche mal abends eine Firmenveranstaltung (Restaurants ansehen und in einem fürstlich speisen) habe, dann ist Glenn da. Er muss mich für eine echte Partymaus halten. Besonders, weil er früh ins Bett geht. Und wenn ich dann um halb elf komme, ist schon alles dunkel. Dafür steht er aber auch um 6 auf, und klappert dann ewig so laut mit Pfannen, Tellern, Tassen und der Kühlschranktür in der Küche rum, dass ich wach im Bett liege und mich frage, ob er sich wohl zum Frühstück ein 4-Gänge-Menü kocht. Er ist sehr nett und hilfsbereit und fragt immer, was ich so mache, wie es mir geht und versucht mir immer weiszumachen, dass mein Schwedisch so gut ist. Leider muss ich ihm im Laufe dieser Woche sagen, dass die Halter der Kleiderstange in meinem Schrank der Belastung durch meine Klamotten nicht standgehalten haben. Ich war schon im Baumarkt und habe nach Ersatz gesucht; aber nichts in der richtigen Grösse gefunden. Dafür aber welche mit Schrauben, vielleicht ist das Ganze dadurch dann auch stabiler. Hach. Wahrscheinlich wird er mich nur mit seinen stahlblauen Augen (manchmal glaube ich, dass er damit durch Wände gucken kann) angucken, mir versichern, dass es nichts macht, und sich der Sache annehmen. Mal gucken wie es wird, wenn irgendwann alle Grünpflanzen in der Wohnung eingegangen sind... Ich habe den Auftrag, sie zu giessen. Und Ihr wisst ja, dass meine Pflanzen zu 90% aus Plastik sind, und das nicht ohne Grund. Ich bemühe mich wirklich, mich hier um all die Orchideen, Gummibäume, Azaleen und Palmen zu kümmern, aber kann für nichts garantieren...

Wochenend' und Sonnenschein...

Und wieder liegt ein schönes Wochenende hinter mir. Zwei Tage Sonne pur. Ich fange schon an, eine echte Schwedin zu werden. Gestern war ich ohne Jacke draussen (es waren 12 Grad) und heute hatte ich schon offene Schuhe an - na gut, immerhin mit Perlonstrümpfen. (Apropos Schuhe... Was soll ich sagen - eBay Schweden ist ein Nichts. Wo soll ich jetzt meine Schuhe kaufen??? Ach, ich werde weiterhin bei eBay Deutschland shoppen und mir die heisse Ware hierher schicken lassen. Und da ich ja ohne nicht kann, hatte ich mir selber übrigens 14 Kilo Schuhe (ca. 20 Paar) in einem Umzugskarton per Post von Deutschland nach Schweden geschickt. Mann, war ich erleichtert, als die Kiste tatsächlich hier ankam...) Heute habe ich dann tatsächlich die Mega-Radtour gemacht. Da war das Ostern nix dagegen. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding. Ich habe allerdings festgestellt, dass es nicht ratsam ist, an sonnigen Wochenenden am Wasser entlang Rad fahren zu wollen. Die Fussgänger blockieren alles. Sie gehen sogar auf dem Radweg, wenn der Fussweg frei ist. Muss ich das verstehen? Es ist noch schlimmer als in Kiel! Tststs. Jedenfalls war ich in einem sehr schönen Café (jaja, ich weiss, das ist nichts Neues. Aber ich habe mir neulich ein Buch gekauft über die schönsten Cafés zum Draussensitzen. Die muss ich jetzt alle durchprobieren) und habe mir wieder einen Kanelbulle (Zimtschnecke) und einen Latte reingezogen. Dann wurde es doch etwas kühl so draussen, und ich musste wieder aufs Rad. Ich bin immer noch jeden Tag begeistert darüber, wie schön Stockholm ist. Es gibt so viele schöne Ecken und Enden, Parks und einfach ganz viel Wasser. Ich kann mich gar nicht entscheiden, wo es mir hier am besten gefällt... Übrigens eine Sache, die ich auch sehr lustig finde: Stockholm hat einen eigenen alpinen Skihügel. Er ist 93 Meter hoch und noch ziemlich mit Schnee bedeckt. Man kann sogar jetzt da noch Ski fahren, was die Stockholmer auch ausnutzen, wie man auf dem Bild sehen kann. Sogar einen Skilift gibt es da. Tja, die Stadt ist schon besonders... Eine gute Tat habe ich heute übrigens auch noch vollbracht. Es klingelte an der Haustür. Da standen zwei Mädels, die Kekse verkaufen wollten. Der Erlös geht an die Kinderkrebshilfe. Also habe ich für fast 7 Euro eine Dose Schokoladen-Kokos-Makronen gekauft, die richtig schön scheisse schmecken. Aber was tut mich nicht alles für einen guten Zweck. Ich habe es ja schliesslich vor Jahren auch schon geschafft, einem Typen an der Tür ein zweijähriges Zeitschriften-Abo abzukaufen (aber nicht, dass ich sowas sinnvolles genommen hätte wie die Fernsehzeitung, die man sich eh jede Woche kauft. Nein, nein, es war irgendeine doofe Frauenzeitschrift mit unnützen Modetipps und Diätvorschlägen). Die Makronen werde ich einfach mitnehmen zur Arbeit. Oder mache ich mich bei den Kollegen dann unbeliebt? Bisher läuft es ja ganz gut...

Samstag, April 15, 2006

Die kleinen Dinge und das grosse Glück

Herregud, was geht es mir gut! Heute war ein wahnsinnig sonniger Tag und ich habe eine Mega-Radtour durch die Stadt gemacht. Es war warm, der Frühling ist nun eindeutig nicht mehr aufzuhalten, obwohl wir vor 5 Tagen morgens noch 2 cm Neuschnee hatten, die allerdings bis mittags schon wieder weg waren. Aber jetzt sind Krokusse zu sehen, die Bäume fangen an zu knospen, die Vögel singen fröhliche Lieder - und die Stockholmer machen Massenwanderungen über sämtliche Spazierwege am Wasser lang. Ein paar Sonnenstrahlen und der Schwede dreht durch, läuft in Shorts und Spaghettiträger-Tops rum, und versucht, nicht zu frieren. Naja, vielleicht muss man das nach monatelangem Winter versuchen zu verstehen. Egal, es war wirklich ein traumhafter Tag. Ich bin also durch die Gegend gecykelt, immer am Wasser lang. Das ist teilweise noch ganz schön zugefroren. Bei der Arbeit treiben auch jeden Tag noch die Eisschollen am Bürofenster vorbei. Der Winter ist hier hartnäckig. Gelandet bin ich in einem grünen Vorort, und zwar in der alten Dynamit-Fabrik von Alfred Nobel. Nachdem sein Labor 1864 in der Innenstadt in die Luft geflogen ist, und dabei unter anderem sein jüngster Bruder ums Leben kam, musste Nobel aus Sicherheitsgründen die Stadt verlassen und hat die Fabrik in einem kleinen Tal aufgebaut, weit und breit keine anderen Häuser in der Nähe. Auch da gab es aber noch mehrere Unglücke. Kein Wunder übrigens, dass ein Schwede das Dynamit erfunden hat. Die ganze Stadt ist in Granit gesprengt. Lustigerweise sieht man, wenn man an einer Granitwand vorbeikommt, oft auch noch die Löcher, in denen die Dynamitstangen mal gesteckt haben. Jedenfalls war Nobel ein reicher Mann und hat ja, da er kinderlos war, mit seinem Vermögen die bekannte Stiftung gegründet (so, ich musste jetzt hier einfach mal mit meinem Wissen prahlen. Ihr sollt ja auch was lernen). Heute ist seine Fabrik nun jedenfalls ein "Skulpturenhaus" und ein Café. Da bin ich natürlich rein und habe mir einen Kaffee und Backwerk geholt. Ja, das ist ja etwas, was mir hier nicht so gefällt - fast überall ist Selbstbedienung. Das ist nervig, aber dafür muss man ja auch nie Trinkgeld geben. Tue ich jedenfalls nicht. Dann sass ich mit meinem Latte, wie man hier so schön sagt, und den Leckereien draussen und habe mein Gesicht in die Sonne gehalten, den Vögeln und Möwen gelauscht - und was soll ich sagen - ich bin einfach so glücklich, hier zu sein! Was gibt es traumhafteres, als an einem schönen Fleckchen Erde mit einem Kaffee in der Hand dazusitzen und von der Sonne gewärmt zu werden??? Ich kann noch gar nicht glauben, dass ich hier jetzt LEBE. Es gibt so traumhafte Ecken, wunderschöne Cafés. Die Natur ist auch in dieser Grossstadt so allgegenwärtig, dass es mich vor Begeisterung immer wieder umhaut. Am späten Nachmittag bin ich noch auf Södermalm gewesen, und habe in einem kleinen Garten gesessen. Den habe ich damals während meines Praktikums entdeckt, und dieser Platz ist so wunderbar, dass man heulen möchte, wenn man dort ist (ich bin also wirklich so glücklich, wie ich auf dem Foto aussehe). Er ist ein bisschen versteckt und man hat einen tollen Blick über Dächer aufs Wasser. Es ist wie eine kleine Oase. Eigentlich mitten in der Stadt, aber ganz ruhig. Ich habe das Gefühl, ich bin der einzige Mensch, der diesen Platz kennt (was nicht so ist, denn es gibt eine Erklärungstafel am Eingang des Gartens, Bänke und Graffitis...). Ich freue mich schon, dorthin zurückzukehren, wenn die Bäume blühen. Oder im Sommer mit einem schönen Buch... Hach, ich könnte platzen vor Freude. Kennt ihr das? Ich bin heute übergesprudelt. Sonne, Wasser, Möwen, Vögel, Kaffee, Kuchen, mp3-Player mit Coldplay... Es ist ein Traum, dass ich hier sein kann. Aber - könnt ihr nicht auch einfach alle herkommen? Dann wäre es wirklich perfekt...

Freitag, April 14, 2006

Birkenstocks, Hunde und Massagen - mein Arbeitsalltag

Ja, der schwedische Arbeitsalltag unterscheidet sich in manchen Dingen doch etwas von dem, was man in Deutschland kennt. Was mit den Schuhen in Privatwohnungen gilt, übertragen die Schweden meistens auch auf die Arbeit. Sie kommen, tauschen die Fussbekleidung und schlappen den ganzen Tag mit Birkenstocks durchs Büro. Obenrum topmodisch gestylt (so sind sie alle, die Schweden), und unten dann... Nun ja. Es ist schon putzig. Aber vielleicht minimiert das Fusskrankheiten ja auch enorm, und das wäre gut, denn mit Krankheiten ist man in Schweden nicht so gut bedient, denn das Gesundheitssystem ist eine Katastrophe. Aber dazu ein andermal mehr. Allgemein ist das Klima bei den Schweden immer sehr locker. Die Schweden haben das "Sie" ja abgeschafft; sogar der König wird geduzt, und so ist es von der Anrede schonmal klar: alle werden mit Vornamen angesprochen. Meine eine Kollegin hat immer ihren Hund mit dabei, daran stört sich auch keiner (ausser mir, denn ich mag keine Hunde), nein, alle tuddeln um Selma rum und spielen mit ihr und ihrem zerfetzten Stoffelch. Nur ich nicht. Und wenn ich mittags esse, steht sie da und glotzt auf meinen Teller. Aber ich ignoriere sie einfach, und dann trottet sie mit hängenden Ohren von dannen. Mein Albtraum ist es ja, dass sich eines Tages mal ein Hund in meiner Wade verbeisst und ich nie wieder Röcke tragen kann - aber dass mir das vielleicht während der Arbeit passieren soll habe ich mir nun auch nie ausgemalt. Vielleicht sollte ich mich doch lieber mit Selma anfreunden. Schon alleine wegen des bereits erwähnten Gesundheitssystemes, denn vermutlich müsste ich mir die kaputte Wade selber nähen. Eine sehr feine Sache ist, dass alle 2 Wochen eine Masseuse ins Büro kommt, und jeder 10 Minuten durchgeknetet wird. Mein Gott, tut das weh und ist das herrlich. Ich bin gestern zum ersten Mal in den Genuss gekommen. Man liegt also ganz entspannt auf so einem Spezialstuhl, den sie dabei hat, und sie drückt und streicht und knetet, dass man vor Schmerz eigentlich schreien möchte, aber gleichzeitig ist das Ganze so wohltuend... Nach den 10 Minuten fühlt man sich wie neugeboren, völlig entspannt - und hat gar keine Lust, wieder mit der Arbeit anzufangen. Apropos Arbeit. Die ersten beiden Wochen sind ja nun rum. Es ist ganz ungewohnt, denn ich fühle mich noch ein bisschen wie ein Azubi oder Praktikant. Denn ich kann ja nix und weiss nix und muss sogar fragen, wie der Kopierer funktioniert. Ich warte also darauf, dass mir jemand Arbeit in die Hand drückt und mir sagt, was und wie ich es machen soll. Das ist schon ein Unterschied zu der routinierten Arbeit bei Gebeco. Aber ich habe mich schon gut in das System eingefuchst und gestern und vorgestern sogar schon meine ersten beiden Angebote kalkuliert und geschrieben. Das hat schon viel Spass gemacht. Von daher bin ich zuversichtlich, dass es jetzt auch schnell weitergehen wird. Ich habe ja sozusagen eine eigene Assistentin (die im Moment natürlich mir sagt, was ich machen soll). Ich bin für den Kundenkontakt zuständig und mache die Angebote; und wenn der Kunde dann bucht, kümmert sich Melanie darum, die Hotels, Fähren und Besichtigungen zu buchen. Scheinbar haben wir auch das gleiche Verständnis von Ordnung und Übersichtlichkeit, denn bei der Arbeit bin ich ja doch ganz schön übergenau. Aber bisher klappt es sehr gut. Wir sind zu sechst in meiner Abteilung, je ein Produzent arbeitet mit einem Assistenten zusammen. 5 von uns sind Deutsche, Nummer 6 ist Schwedin, hat aber mal 2 Jahre in Berlin gelebt und spricht perfekt Deutsch. Demnach reden wir am Tag zu 90% Deutsch, was nicht besonders gut für mein Schwedisch ist. Lustig ist aber, dass die anderen Deutschen schon jeweils zwischen 4 und 40 Jahren in Schweden leben und viele schwedische Wörter ins Deutsche mir reinbringen. So sagt Michaela "Ich bin heute zur Arbeit gecykelt" (cykel = Fahrrad) oder Veronika sagt "Das Hotel ist über Ostern gestängt" (stänga = schliessen) oder sie sagen "Ich habe das mal gekollt" (kolla = checken). Es ist also schon sehr lustig. Sie sind auch sehr nett, meine Kolleginnen, so dass ich mich echt wohl fühle bisher. Ein Glück. Schön ist auch das freitägliche fika mit allen, was soviel wie "Kaffee trinken und Kuchen essen" bedeutet. Derjenige, der Küchendienst hat, kauft auf Firmenkosten Kuchen oder sonstige Leckereien, und dann sitzen wir alle da und plaudern und essen und trinken und haben es nett - und Selma steht da und guckt gierig. Bei diesen Zusammenkünften wird Schwedisch gesprochen, weil ausserhalb meiner Abteilung 6 Schweden und ein Norweger arbeiten, die nicht alle Deutsch können. Das führt aber dazu, dass mein Redeanteil gleich Null ist, denn ich muss gestehen, dass mein Schwedisch echt mässig ist. Lesen kann ich super, verstehen geht einigermassen - aber reden geht gar nicht. Ausser ich habe vorher Zeit, mir meine Sätze zu überlegen. Also sitze ich dann da in der Runde, versuche zuzuhören - aber sage nix. Meine schwedischen Kollegen halten mich wahrscheinlich für unsympathisch und schüchtern. Naja, ich hoffe, dass es irgendwann ganz schnell geht mit dem Sprechen, wahrscheinlich sprudelt es dann aus mir heraus. Ich muss mich unbedingt um einen Sprachkurs kümmern. Allerdings zwinge ich mich, ausserhalb der Arbeit immer Schwedisch zu reden. Das führt aber dazu, dass ich im Laden meine Frage stelle, und der Verkäufer dann einen 3-minütigen Monolog hält, ich zwischendurch nur "tyvärr" = leider und "inte" = nicht verstehe und daraus dann schliesse, dass er mir wohl nicht weiterhelfen kann. Dann lächele ich, sage "Tack" = danke und gehe wieder weg - ohne zu wissen, was er mir sonst noch alles erzählt hat. Vielleicht hat er ja auch nur gesagt, dass es das Teil leider nicht bei ihm, sondern in der Abteilung da hinten gibt, und wundert sich, warum ich den Laden wieder verlasse... Naja, ich hoffe einfach, dass das alles in 2 oder 3 Monaten schon anders aussieht...

Das erste Wochenende

Nachdem ich meine Sachen ausgepackt hatte, wollte ich unbedingt noch raus. Ich war zwar todmüde, aber das Wetter war so genial, dass ich einfach los musste. Ich wollte vor allem rausfinden, welcher Bus zu meiner Arbeit fuhr, und wie weit es zu Fuss war. Also marschierte ich los und erkundete alles. Es war easy, zu Fuss brauchte ich 20 Minuten, und es gab auch einen Bus, der direkt von mir bis zur Arbeit durchfährt. Ausserdem hatte ich ja das Fahrrad - damit würde alles noch schneller gehen. Dann schlenderte ich noch ein bisschen durch den Stadtteil Södermalm, den ich am liebsten mag, und holte mir schliesslich in einem Pressbyrå (sozusagen ein Zeitungskiosk) eine Telefonkarte. Ich sprach Schwedisch, aber der Mensch (selber irgendsoein Ausländer) identifizierte mich mit einem süffisanten Lächeln gleich als Deutsche. Fy fan (sinngemäss "zum Teufel"), dass man auch immer gleich hört, dass ich aus Deutschland bin! Grummel. Das muss sich ändern! Schliesslich spazierte ich am Wasser lang wieder in Richtung Henriksdal (so heisst meine Wohngegend) und genoss den Sonnenuntergang.

Schliesslich ging ich noch etwas einkaufen - und war doch ein bisschen entsetzt über die Preise. Eine 1,5-Liter-Flasche Mineralwasser kostet ca. 1,60 €, Brot ca. 2,80 € - und was gar nicht geht sind die Preise für Shampoo, Duschgel etc. Unter ca. 4 € ist da fast nix zu haben... Egal, da muss ich wohl durch. Mit einem Zähneknischen zahle ich 30 € für einen klitzekleinen Korb voller Einkäufe und stapfe wieder zu meinem neuen Zuhause. Inzwischen ist es dunkel, und als ich aus meinem Zimmer die Lichter der Stadt bei Nacht sehe, bin ich nochmal vollkommen überwältigt. Es glitzert und funkelt und leuchtet - es ist einfach wahnsinnig schön. Stilgemäss gibt es als Abendessen Knäckebrot, und dann beziehe ich mein Bett und falle gegen 21:30 todmüde rein.

13 Stunden später werde ich wach, frühstücke und breche am Nachmittag auf in die Stadt. Denn das Tolle ist, dass hier auch an Sonn- und Feiertagen alles offen ist. Die meisten Geschäfte zwischen 11:00 und 17:00 Uhr, aber die Supermärkte teilweise von 08:00 bis 22:00 Uhr. Das ist schonmal sehr super.

Am Abend habe ich mir im Kino Brokeback Mountain angesehen, auf Englisch. Und war entsetzt, dass ich den Film nur verstanden habe, weil ich die schwedischen Untertitel lesen konnte. Mein Hörverständnis muss unbedingt verbessert werden...

Ein- und Ausblicke

Heute vor 2 Wochen habe ich Deutschland verlassen - und schaffe es endlich, diesen Blog zu beginnen, was ich eigentlich schon längst vorhatte. Aber wie das dann so ist - es gibt am Anfang Wichtigeres zu tun... Ausserdem bin ich erst seit gestern zuhause online, und wollte löblicherweise nicht von der Arbeit aus am Blog rumbasteln. Die letzten beiden Wochen stecken voller Eindrücke. Erst das sehr emotionale Abschiednehmen von euch in Deutschland, und dann natürlich all das Neue, was mich in Stockholm empfangen hat. Aber ich fühle mich super und freue mich jeden Tag darüber, hier zu sein. Als ich am 01. April nach einer 15-stündigen Busfahrt mit meinem ganzen Gepäck in Stockholm ankam strahlte die Sonne vom Himmel. "Das muss ein Zeichen sein!" dachte ich mir. Und es ging genauso weiter. Denn als nächstes tauchten meine Vermieter Anita und Glenn auf, um mich abzuholen. Sie guckten etwas zerknittert, als Sie mein Gepäck sahen, fassten aber anstandslos an und schleppten los... Sie waren sehr nett, wobei Glenn in einer Tour plauderte und mich Dinge fragte, während Anita schüchtern lächelnd nicht mehr als 3 Worte mit mir redete. Als ich nebenbei erwähnte, dass ich mir ein Fahrrad kaufen möchte, sagte Glenn, dass er mir eins leihen könnte. Die Sonne strahlte also tatsächlich nicht umsonst. Und dann kamen wir schliesslich an der Wohnung an. Zum Glück gab es einen Fahrstuhl (der mich zusammen mit dem Müllschlucker total an meine Kindheit im Wolfsburger Westhagen erinnert - ach, macht das Spass, den Müll da runter zu schmeissen und zu hören, wie er 5 Stockwerke tiefer in der Tonne landet. Menschen sind doch so leicht glücklich zu machen), so dass wir mein Zeug nicht tragen mussten. Dann schloss Glenn die Tür auf und wir liessen als erstes alles stehen und liegen und zogen unsere Schuhe aus, denn das ist in Schweden eine Art heiliges Gesetz. Man geht hier nicht mit Schuhen durch die Wohnung. Selbst bei Partys stehen alle auf Socken in der Gegend rum (habe ich mir sagen lassen, noch war ich auf keiner...). Nachdem wir uns also unserer Schuhe entledigt hatten und Anita und Glenn in ihre Birkenstocks geschlüpft waren, weiste mir Glenn den Weg in mein Zimmer. Stumm starrte ich hinein, denn vom Fenster aus sah ich - alles. Die ganze Stadt lag mir zu Füssen. Hinter einem hässlichen Gebäude der Viking Line waren alle charakteristischen Kirchtürme zu sehen, das Stadshuset, die Altstadt, das Schloss, der Fernsehturm, die Inseln Skeppsholmen, Kastellholmen und Djurgården mit dem Vasamuseum, dem Nordischen Museum, dem Tivoli Gröna Lund und dem Freilichtmuseum Skansen - und natürlich jede Menge Wasser. Ich fragte Glenn nochmal, ob ich auch im richtigen Zimmer bin - und er sagte tatsächlich ja. Mein Gott. Mir war vorher klar, dass die Lage gut ist, und Glenn hatte geschrieben, dass sie einen schönen Blick über die Stadt haben - aber das hatte ich nicht erwartet! Leider kommt es auf dem Bild nicht so zur Geltung, es ist wirklich wahnsinng beeindruckend (wenn ihr das Bild anklickt, kommt es nochmal in Gross, da sieht man schon besser) Also, falls ihr mich mal besuchen kommt brauchen wir gar nicht die Wohnung zu verlassen, alle Sehenswürdigkeiten können wir uns eigentlich von meinem Fenster aus ansehen :-) Und als nächstes zeigte mir Glenn dann den Rest der Wohnung, erklärte, wie alles funktioniert und verkündete dann, dass die beiden schon jetzt nicht mehr in der Stadt, sondern stattdessen in ihrem Sommerhaus auf der Insel Värmdö leben. Ich könne sie da auch gerne mal besuchen kommen... Ich hatte also die Wohnung für mich alleine! Dann wünschten sie mir alles Gute (auch Anita hat nochmal 2 Sätze geredet), tauschten die Birkenstocks wieder gegen die Strassenschuhe und waren verschwunden. Ich fing an, meine Sachen auszupacken und starrte zwischendurch immer wieder minutenlang fassungslos aus dem Fenster. Wie schön muss es erst im Sommer sein?