Ja, der schwedische Arbeitsalltag unterscheidet sich in manchen Dingen doch etwas von dem, was man in Deutschland kennt.
Was mit den Schuhen in Privatwohnungen gilt, übertragen die Schweden meistens auch auf die Arbeit. Sie kommen, tauschen die Fussbekleidung und schlappen den ganzen Tag mit Birkenstocks durchs Büro. Obenrum topmodisch gestylt (so sind sie alle, die Schweden), und unten dann... Nun ja. Es ist schon putzig. Aber vielleicht minimiert das Fusskrankheiten ja auch enorm, und das wäre gut, denn mit Krankheiten ist man in Schweden nicht so gut bedient, denn das Gesundheitssystem ist eine Katastrophe. Aber dazu ein andermal mehr.
Allgemein ist das Klima bei den Schweden immer sehr locker. Die Schweden haben das "Sie" ja abgeschafft; sogar der König wird geduzt, und so ist es von der Anrede schonmal klar: alle werden mit Vornamen angesprochen.
Meine eine Kollegin hat immer ihren Hund mit dabei, daran stört sich auch keiner (ausser mir, denn ich mag keine Hunde), nein, alle tuddeln um Selma rum und spielen mit ihr und ihrem zerfetzten Stoffelch. Nur ich nicht. Und wenn ich mittags esse, steht sie da und glotzt auf meinen Teller. Aber ich ignoriere sie einfach, und dann trottet sie mit hängenden Ohren von dannen. Mein Albtraum ist es ja, dass sich eines Tages mal ein Hund in meiner Wade verbeisst und ich nie wieder Röcke tragen kann - aber dass mir das vielleicht während der Arbeit passieren soll habe ich mir nun auch nie ausgemalt. Vielleicht sollte ich mich doch lieber mit Selma anfreunden. Schon alleine wegen des bereits erwähnten Gesundheitssystemes, denn vermutlich müsste ich mir die kaputte Wade selber nähen.
Eine sehr feine Sache ist, dass alle 2 Wochen eine Masseuse ins Büro kommt, und jeder 10 Minuten durchgeknetet wird. Mein Gott, tut das weh und ist das herrlich. Ich bin gestern zum ersten Mal in den Genuss gekommen. Man liegt also ganz entspannt auf so einem Spezialstuhl, den sie dabei hat, und sie drückt und streicht und knetet, dass man vor Schmerz eigentlich schreien möchte, aber gleichzeitig ist das Ganze so wohltuend... Nach den 10 Minuten fühlt man sich wie neugeboren, völlig entspannt - und hat gar keine Lust, wieder mit der Arbeit anzufangen.
Apropos Arbeit. Die ersten beiden Wochen sind ja nun rum. Es ist ganz ungewohnt, denn ich fühle mich noch ein bisschen wie ein Azubi oder Praktikant. Denn ich kann ja nix und weiss nix und muss sogar fragen, wie der Kopierer funktioniert. Ich warte also darauf, dass mir jemand Arbeit in die Hand drückt und mir sagt, was und wie ich es machen soll. Das ist schon ein Unterschied zu der routinierten Arbeit bei Gebeco. Aber ich habe mich schon gut in das System eingefuchst und gestern und vorgestern sogar schon meine ersten beiden Angebote kalkuliert und geschrieben. Das hat schon viel Spass gemacht. Von daher bin ich zuversichtlich, dass es jetzt auch schnell weitergehen wird. Ich habe ja sozusagen eine eigene Assistentin (die im Moment natürlich mir sagt, was ich machen soll). Ich bin für den Kundenkontakt zuständig und mache die Angebote; und wenn der Kunde dann bucht, kümmert sich Melanie darum, die Hotels, Fähren und Besichtigungen zu buchen. Scheinbar haben wir auch das gleiche Verständnis von Ordnung und Übersichtlichkeit, denn bei der Arbeit bin ich ja doch ganz schön übergenau. Aber bisher klappt es sehr gut.
Wir sind zu sechst in meiner Abteilung, je ein Produzent arbeitet mit einem Assistenten zusammen. 5 von uns sind Deutsche, Nummer 6 ist Schwedin, hat aber mal 2 Jahre in Berlin gelebt und spricht perfekt Deutsch. Demnach reden wir am Tag zu 90% Deutsch, was nicht besonders gut für mein Schwedisch ist. Lustig ist aber, dass die anderen Deutschen schon jeweils zwischen 4 und 40 Jahren in Schweden leben und viele schwedische Wörter ins Deutsche mir reinbringen. So sagt Michaela "Ich bin heute zur Arbeit gecykelt" (cykel = Fahrrad) oder Veronika sagt "Das Hotel ist über Ostern gestängt" (stänga = schliessen) oder sie sagen "Ich habe das mal gekollt" (kolla = checken). Es ist also schon sehr lustig. Sie sind auch sehr nett, meine Kolleginnen, so dass ich mich echt wohl fühle bisher. Ein Glück.
Schön ist auch das freitägliche fika mit allen, was soviel wie "Kaffee trinken und Kuchen essen" bedeutet. Derjenige, der Küchendienst hat, kauft auf Firmenkosten Kuchen oder sonstige Leckereien, und dann sitzen wir alle da und plaudern und essen und trinken und haben es nett - und Selma steht da und guckt gierig.
Bei diesen Zusammenkünften wird Schwedisch gesprochen, weil ausserhalb meiner Abteilung 6 Schweden und ein Norweger arbeiten, die nicht alle Deutsch können. Das führt aber dazu, dass mein Redeanteil gleich Null ist, denn ich muss gestehen, dass mein Schwedisch echt mässig ist. Lesen kann ich super, verstehen geht einigermassen - aber reden geht gar nicht. Ausser ich habe vorher Zeit, mir meine Sätze zu überlegen. Also sitze ich dann da in der Runde, versuche zuzuhören - aber sage nix. Meine schwedischen Kollegen halten mich wahrscheinlich für unsympathisch und schüchtern. Naja, ich hoffe, dass es irgendwann ganz schnell geht mit dem Sprechen, wahrscheinlich sprudelt es dann aus mir heraus. Ich muss mich unbedingt um einen Sprachkurs kümmern.
Allerdings zwinge ich mich, ausserhalb der Arbeit immer Schwedisch zu reden. Das führt aber dazu, dass ich im Laden meine Frage stelle, und der Verkäufer dann einen 3-minütigen Monolog hält, ich zwischendurch nur "tyvärr" = leider und "inte" = nicht verstehe und daraus dann schliesse, dass er mir wohl nicht weiterhelfen kann. Dann lächele ich, sage "Tack" = danke und gehe wieder weg - ohne zu wissen, was er mir sonst noch alles erzählt hat. Vielleicht hat er ja auch nur gesagt, dass es das Teil leider nicht bei ihm, sondern in der Abteilung da hinten gibt, und wundert sich, warum ich den Laden wieder verlasse... Naja, ich hoffe einfach, dass das alles in 2 oder 3 Monaten schon anders aussieht...