Kommen wir zu einem der Vorteile meiner Branche: man darf auf Einladungen hin rumreisen und sich lauter nette Hotels, Restaurants, Festsäle und Attraktionen angucken, lecker essen und sich amüsieren. Meistens kommen unsere Kunden nach Stockholm, aber wir verkaufen auch andere Destinationen in Schweden wie z.B. Lappland mit dem Eishotel oder aber eben Göteborg. Meine liebe Kollegin und inzwischen auch Freundin Nooshin (mit der ich schon in Tallinn viel Spaß hatte) und ich waren beide noch nie in Göteborg (meinen 6-Stunden-Aufenthalt 1997 zähle ich nicht), und deswegen wurden wir von der Arbeit aus dahingeschickt, damit wir es besser verkaufen können. Seit Wochen hatten wir uns darauf gefreut, und so ging es dann letzte Woche los. Geplant waren für uns Donnerstag und Freitag zusammen mit Mitarbeitern der offiziellen Marketingorganisation der Stadt. Nooshin und ich dachten aber, dass wir auch das ganze Wochenende bleiben könnten, wenn wir schonmal da sind, so dass wir Samstag und Sonntag privat dranhängten. Jedenfalls ging es dann Donnerstag nach unsere

r Ankunft mit dem offiziellen Teil los. Und sofort fiel uns auf, wie nett und locker und freundlich die Menschen in Schwedens zweitgrößter Stadt sind. Wir liebten Göteborg sofort. Ich weigere mich ja immer etwas gegen Klischees, aber Göteborger sind einfach anders als Stockholmer. Ich habe hier auch schon an diversen Besichtigungen teilgenommen und viele Leute beruflich getroffen, die nett waren, aber in Stockholm hat man den Eindruck, die Freundlichkeit ist gewissermaßen aufgesetzt. In Göteborg waren die Menschen viel echter, wärmer und herzlicher und auf eine ganz andere Art freundlich, das war richtig überraschend und schön zu sehen. Wir hatten auch das Gefühl, die Branche arbeitet viel mehr miteinander statt gegeneinander wie in Stockholm, wo sich die unterschiedlichen Hotels mehr als Konkurrenten sehen. In Göteborg hatten wir das Gefühl, dass die Leute mehr die Destination verkaufen und froh sind, wenn Gruppen in die Stadt kommen, sie sehen nicht ihr eigenes Produkt so sehr im Vordergrund. Wir liebten Göteborg! Nach jeder Besichtigung waren Nooshin und ich euphorischer. Am Abend durften wir dann zur Premiere einer Weihnachts-Comedy-Show, vor der es das typisch schwedische Julbord gab, also ein Weihnachtsbuffet mit traditionellen Gerichten. Sehr lecker - und die Show war auch ganz lustig. Ich bin ja immer stolz, wenn ich einigermaßen alles verstehe, eben auch Ironie und Zynismus, wobei mir Nooshin manch Insider doch erklären musste. Der nächste Tag war auch wieder vollgepackt mit Besichtigungen. Von den Eindrücken des vorherigen Tages doch schon etwas ermüdet schleppten wir uns durch Göteborgs bestes Hotel, waren aber so

fort wach, als wir die Suite gezeigt bekamen, in der Robbie Williams übernachtet hat. Wir liebten Göteborg! Dazu bekamen wir die Geschichte erzählt, dass Robbie immer freundlich zum Personal ist, und sogar High Fives verteilt, wobei Bruce Springsteen (der auch gerne mal nur so nach Göteborg kommt, ohne einen Auftritt zu haben) eher der ruhige Typ ist, der sein Zimmer nicht so oft verlässt. Dann sahen wir noch die Suite, in der Justin Timberlake eine Party gefeiert hat, und fuhren im Aufzug mit Alexander Bard, der mal zu "Army of Lovers" gehörte, und den ich natürlich nicht erkannte. Aber in Schweden ist er wohl so eine Art B-Promi. Ja, also, war schon aufregend, unser Tag in Göteborg. Mittags kehrten wir dann in ein Sternerestaurant ein, wo ich ein sehr leckeres Gulasch aß, und dann trafen wir uns nachmittags mit Eric, einem Mitarbeiter einer Firma, die Schnellboote haben und verschiedene Schären-Arrangements anbieten. Eric hatte gute Kontakte zu Nachtclubbesitzern in Göteborg und so sorgte er dafür, dass wir auf den Gästelisten der besten Clubs der Stadt landeten. Wir liebten Göteborg! Als am späten Nachmittag der offizielle Teil unseres Besuches vorbei war, zog es uns als erstes aufs Hotelzimmer, wo wir erschöpft auf unseren Betten landeten und das taten, was wir schon in Tallinn richtig gut konnten: reden, reden, reden. Es wurde immer später und wir immer unfitter, aber schließlich rafften wir uns doch auf, duschten, machten uns fertig und starteten ins Nachtleben. Da es schon fast 22 Uhr war waren wir nicht besonders großer Hoffnung, in unserem Wunschlokal noch einen Tisch und etwas zu essen zu bekommen, aber wir wurden wahnsinnig freundlich (natürlich) empfangen und bekamen den letzten Zweiertisch. Zwei Kellner kümmerten sich abwechselnd hervorragend um uns - wir liebten Göteborg! Nach einem köstlichen Mahl tauchte auf einmal ein köstlicher Hintern neben mir auf, der - wie sich schließlich herausstellte - zu einem Engländer gehörte. Ist das mein Los? Treffe ich von nun an immer auf Engländer, wenn ich mit Nooshin verreise? Naja, wie dem auch sei, diesmal war der Abend nicht so ergibig wie in Tallinn und nach einem netten Gespräch mit ihm und seinen englischen Kumpels und seinem schwedischen Cousin zogen Nooshin und ich weiter zu einem der coolen Clubs auf dessen Gästeliste wir standen. Es war bereits kurz vor eins. Wir kamen zu dem Club - und waren überrascht. Wo war die Schlange? In Stockholm ist ein Club nur cool, wenn man davor ungefähr 20 Minuten in der Schlange steht und hofft, zu den Auserwählten zu gehören, die überhaupt reindürfen. Nicht so in Göteborg. Die Türstehen lächelten uns freundlich zu, hießen uns willkommen und winkten uns rein. Wir liebten Göteborg! Wir gingen hinein - und wo zahlt man jetzt den Eintritt? Ach was, kostet nix... Wir konnten es nicht fassen... An der Garderobe wurden wir mit einem Zahnpastalächeln bedient (in Stockholm wird man nur grimmig angeguckt), und als wir an der Bar unsere Drinks bestellten wurden wir von dem sympathischen Barkeeper in ein sympathisches Gespräch verwickelt, weil er mit der Bestellung "Jägermeister mit Orangensaft", die Nooshin zu meinem Entsetzen für mich aufgab, nicht so viel anfangen konnte und dann selber erstmal probieren musste. Wir liebten Göteborg! Das mit dem Trinken habe ich noch nicht so drauf, und so guckte Nooshin etwas ungläubig, als ich nach 5 Minuten schon das halbe Glas leergetrunken hatte. Es kribbelte zwar etwas in meinen Beinen, aber das war dann auch das Einzige, was ich vom Alkohol merkte. Erstaunlich. Nach kurzer Zeit tauchten auch die Engländer auf, aber mehr als ein paar nette Gespräche kamen nicht zustande. Und so zogen Nooshin und ich weiter in den nächsten Club. Auch hier: keine Schlange, freundliche Türsteher und eine zuckersüße Kassiererin, die uns sofort auf der Gästeliste fand und uns viel Spaß wünschte. Wir liebten Göteborg!!! Während ich aufs Klo ging sorgte Nooshin für die Drinks (ich hatte ausdrücklich ein Wasser verlangt), und natürlich brauchte ich mich nicht wundern, als ich zurückkam und der Barkeeper gerade dabei war, mit verwundertem Blick einen O-Saft mit Jägermeister zu mischen. Ich weigerte mich aber diesmal zu trinken, so dass Nooshin herhalten musste. Schließlich tanzten wir noch bis wir uns dann um 4 Uhr mit schmerzenden Füßen und voller Liebe für Göteborg und die Bewohner ins Hotel schleppten und todmüde in unsere Betten fielen. Am Samstag begannen wir den sonnigen Tag mit dem prima Hotelfrühstücksbuffet. Herrlich! Dann mussten wir allerdings leider unsere Sachen packen, denn die für die kommende Nacht war Göteborg so ausgebucht, dass selbst wir mit unseren Beziehungen kein Hotelzimmer mehr bekommen haben, und uns nun auf den Weg zu unserem Bed & Breakfast machten... Unser Transportmittel änderte sich von Privatwagen zu Straßenbahn, und unser Zimmer hatte mit der Minisuite im 4*-Hotel auch nicht mehr so richtig viel gemeinsam... Tja, das war also der Abstieg von Dienst- zu Privatreise! Schließlich machten wir uns auf, Göteborg nun ohne Stress zu entdecken. Wir hatten immerhin den Göteborg-Pass bekommen, der uns den kostenlosen Eintritt in alle Museen und Attraktionen ermöglichte. So sahen wir uns zuerst das Universeum an, eine Art Aquarium für unterschiedliche Klimazonen. Ich stehe ja nicht so auf Tierhaltung, aber ich glaube, es war das erste Mal, dass ich in einem Aquarium war - und ich war schon beeindruckt. Vielleicht sollte ich doch mal einen Tauchschein machen. Schließlich packte uns die fika-Lust (fika = Kaffee trinken und Kuchen essen), und so steuerten wir Göteborgs ältesten Teil an. Inzwischen war es sehr bewölkt geworden, dämmerig, es wurde immer windiger, und es war kalt. Also betraten wir ein kleines Café, in dem wie immer Selbstbedienung war. Versehentlich drängelten wir uns vor einen Mann, der uns so anschnauzte, dass wir sicher waren, dass er unmöglich aus Göteborg kommen kann... Kurz nach uns kam ein junger Typ rein, setzte sich an den Nebentisch und fragte uns auf Englisch, ob in dem Laden Selbstbedienung sei. Ich dachte mir schon, dass er Deutscher ist, was sich später bestätigte, als er uns wieder etwas fragte. So entwickelte sich ein Gespräch, und wir wurden schließlich von ihm zu einer Party im Studentenwohnheim seines Kumpels eingeladen, wozu er die Worte benutzte "Naja, wahrscheinlich seid ihr ja schon etwas zu alt für sowas" Na, vielen Dank! Wir sagten, wir würden es uns überlegen (hatten dann aber keine Lust, den Abend mit einem Haufen angetrunkener Halbstarker zu verbringen). Schließlich war es Zeit für den Höhepunkt unseres Aufenthaltes, Weihnachtsmarkt auf Liseberg, dem bekannten Göteborger Tivoli. Wir traten also vor die Tür - und es goß in Strömen!!! Da wurde mir klar, dass Stockholm eigentlich doch meistens gutes Wetter hat, wenig Niederschlag, und wenn es mal regnet, dann eher gemäßigt. Aber Göteborg - ja, das erinnerte mich an Kiel! Kalter Wind, nasskalt, strömender Regen, grau in grau - das kam mir bekannt vor. Wir liefen im Regen zur nächsten Straßenbahnhaltestelle und mussten ewig in der Kälte warten, bis eine kam. Die Leute schauten grimmig drein, oh, was hassten wir Göteborg plötzlich! Irgendwie hatte sich alles geändert seit wir vom 4*-Hotel ins Bed & Breakfast gezogen waren... Schließlich beschloss Nooshin, bei dem Wetter nicht nach Liseberg zu fahren. Ich war unentschlossen, entschied mich dann aber doch dafür und fuhr folglich alleine. Natürlich hätte ich es mir sparen können. Das Ganze muss schön sein mit Schnee, alles ist beleuchtet, es gibt einen Weihnachtsmarkt mit kleinen Buden; man kann Schlittschuh laufen, Ski fahren, Schlitten fahren... Aber wenn es schüttet wie aus Eimern ist das Ganze weniger erheiternd, wobei es nicht gerade leer war, und einige sogar Karussel gefahren sind! Ich war nach kurzer Zeit ohne Schirm dann schließlich klatschnass und durchgefroren (ich hasste Göteborg!) und machte mich auf zu unserer Unterkunft. Zum Glück war es in unserem Zimmer schön warm, immerhin. Nass und durchgefroren und müde wie wir waren hatten wir gar keine große Lust, etwas zu machen. Eric hatte uns auch im Stich gelassen und uns nicht auf irgendwelche Gästelisten für den Samstagabend gesetzt, wir sehnten uns nach Stockholm. Draußen goß es immer noch, was bedeutete, dass wir uns auch entscheiden mussten, wo genau wir hinwollten, da wir nicht wie gedacht einfach durch die Straßen spazieren konnten bis wir etwas fanden was uns gefiel. Also bestellten wir ein Taxi für eine bestimmte Zeit, gingen raus und warteten im Regen. Kein Taxi. Wir warteten und froren und hassten Göteborg. Nach 10 Minuten rief Nooshin in der Taxizentrale an. 3 Minuten lang meldete sich keiner. Wir hassten Göteborg. Dann teilte man uns mit, dass man uns ein neues Taxi schicken würde und dass das sofort da wäre. Wir warteten. Wir froren. Es schüttete. Wir hassten Göteborg. Nach 10 Minuten gaben wir auf und machten uns auf in Richtung Straßenbahn. Da kam das Taxi. Wir stiegen ein und Nooshin beschwerte sich ganz leicht, dass es gedauert hatte. Die Taxifahrerin fuhr uns an, dass es ja wohl nicht ihre Schuld wäre, dass das erste Taxi einfach nicht gekommen ist. Wir nannten unser Ziel, wussten aber nur den Namen des Restaurants und die Straße, nicht die Hausnummer. Sie wusste es auch nicht und befahl uns, selber Ausschau zu halten. Schließlich fanden wir es und sie hielt, ca. 20 Meter vom Eingang entfernt. Nooshin bat sie, ein wenig dichter heranzufahren woraufhin die Taxifahrerin empört schnaubte und sagte, Nooshin wäre ja wohl nicht behindert. Wir hassten Göteborg. Unser Abendessen war lecker, und die Bedienung auch sehr nett, aber wir waren irgendwie so müde und vom Wetter so deprimiert, dass wir keine Lust hatten, noch tanzen zu gehen. Man konnte aber auch nicht einen Meter gehen ohne klitschnass zu werden! Also riefen wir uns ein Taxi, fuhren nach Hause, machten uns in dem ekeligen Gemeinschaftsbad bettfertig und gingen schlafen. Wir hassten Göteborg. In dem Haus wohnten außer uns nur zwei weitere Gäste + die beiden Söhne des Hauses und deren Oma. Aber am Sonntag hatten wir von ca. 7 Uhr morgens an das Gefühl, dass Haus ist von ca. 250 Personen bewohnt. Andauernd schlugen Türen, sprachen Menschen laut im Flur, klapperte Geschirr... Aaaaah.... Das Frühstück war okay, aber auch nicht mit unserem geliebten Hotel vergleichbar. Immerhin bezahlten wir 10 EUR weniger für die Übernachtung, da Sohnemann kein Wechselgeld hatte und wir es nicht passend. Prima! Und dann war es das auch schon. Draußen strahlte diesmal die Sonne vom blauen Himmel, aber für mich war es bereits Zeit, zum Flughafen aufzubrechen. Nooshin ist momentan in unserer Filiale in Oslo, sie hatte also noch etwas Zeit bis zur Abfahrt, um Göteborg im Sonnenschein zu genießen. Und jetzt freuen wir uns auf unsere rein private Reise nach Kopenhagen nächstes Wochenende, diesmal hoffentlich mit besserem Wetter! Aber alles in allem ist Göteborg eine sehr nette Stadt, und es hat uns so gut gefallen, dass wir wiederkommen wollen. Es ist längst nicht so hübsch wie Stockholm, wirkt vielleicht sogar etwas nüchtern und farblos. Es gibt einige schöne Gebäude, aber insgesamt wirkt das Stadtbild nicht so schön. Ich glaube, es ist ein bißchen wie Kiel: um es zu mögen, muss man dort leben. Ich glaube, zum Leben ist es eine tolle Stadt mit viel Herz, gemütlich eben. Aber vielleicht auch mit ein bißchen zu viel Regen...