Donnerstag, November 29, 2007

Vi älskar Göteborg! - Wir lieben Göteborg!

Kommen wir zu einem der Vorteile meiner Branche: man darf auf Einladungen hin rumreisen und sich lauter nette Hotels, Restaurants, Festsäle und Attraktionen angucken, lecker essen und sich amüsieren. Meistens kommen unsere Kunden nach Stockholm, aber wir verkaufen auch andere Destinationen in Schweden wie z.B. Lappland mit dem Eishotel oder aber eben Göteborg. Meine liebe Kollegin und inzwischen auch Freundin Nooshin (mit der ich schon in Tallinn viel Spaß hatte) und ich waren beide noch nie in Göteborg (meinen 6-Stunden-Aufenthalt 1997 zähle ich nicht), und deswegen wurden wir von der Arbeit aus dahingeschickt, damit wir es besser verkaufen können. Seit Wochen hatten wir uns darauf gefreut, und so ging es dann letzte Woche los. Geplant waren für uns Donnerstag und Freitag zusammen mit Mitarbeitern der offiziellen Marketingorganisation der Stadt. Nooshin und ich dachten aber, dass wir auch das ganze Wochenende bleiben könnten, wenn wir schonmal da sind, so dass wir Samstag und Sonntag privat dranhängten. Jedenfalls ging es dann Donnerstag nach unserer Ankunft mit dem offiziellen Teil los. Und sofort fiel uns auf, wie nett und locker und freundlich die Menschen in Schwedens zweitgrößter Stadt sind. Wir liebten Göteborg sofort. Ich weigere mich ja immer etwas gegen Klischees, aber Göteborger sind einfach anders als Stockholmer. Ich habe hier auch schon an diversen Besichtigungen teilgenommen und viele Leute beruflich getroffen, die nett waren, aber in Stockholm hat man den Eindruck, die Freundlichkeit ist gewissermaßen aufgesetzt. In Göteborg waren die Menschen viel echter, wärmer und herzlicher und auf eine ganz andere Art freundlich, das war richtig überraschend und schön zu sehen. Wir hatten auch das Gefühl, die Branche arbeitet viel mehr miteinander statt gegeneinander wie in Stockholm, wo sich die unterschiedlichen Hotels mehr als Konkurrenten sehen. In Göteborg hatten wir das Gefühl, dass die Leute mehr die Destination verkaufen und froh sind, wenn Gruppen in die Stadt kommen, sie sehen nicht ihr eigenes Produkt so sehr im Vordergrund. Wir liebten Göteborg! Nach jeder Besichtigung waren Nooshin und ich euphorischer. Am Abend durften wir dann zur Premiere einer Weihnachts-Comedy-Show, vor der es das typisch schwedische Julbord gab, also ein Weihnachtsbuffet mit traditionellen Gerichten. Sehr lecker - und die Show war auch ganz lustig. Ich bin ja immer stolz, wenn ich einigermaßen alles verstehe, eben auch Ironie und Zynismus, wobei mir Nooshin manch Insider doch erklären musste. Der nächste Tag war auch wieder vollgepackt mit Besichtigungen. Von den Eindrücken des vorherigen Tages doch schon etwas ermüdet schleppten wir uns durch Göteborgs bestes Hotel, waren aber sofort wach, als wir die Suite gezeigt bekamen, in der Robbie Williams übernachtet hat. Wir liebten Göteborg! Dazu bekamen wir die Geschichte erzählt, dass Robbie immer freundlich zum Personal ist, und sogar High Fives verteilt, wobei Bruce Springsteen (der auch gerne mal nur so nach Göteborg kommt, ohne einen Auftritt zu haben) eher der ruhige Typ ist, der sein Zimmer nicht so oft verlässt. Dann sahen wir noch die Suite, in der Justin Timberlake eine Party gefeiert hat, und fuhren im Aufzug mit Alexander Bard, der mal zu "Army of Lovers" gehörte, und den ich natürlich nicht erkannte. Aber in Schweden ist er wohl so eine Art B-Promi. Ja, also, war schon aufregend, unser Tag in Göteborg. Mittags kehrten wir dann in ein Sternerestaurant ein, wo ich ein sehr leckeres Gulasch aß, und dann trafen wir uns nachmittags mit Eric, einem Mitarbeiter einer Firma, die Schnellboote haben und verschiedene Schären-Arrangements anbieten. Eric hatte gute Kontakte zu Nachtclubbesitzern in Göteborg und so sorgte er dafür, dass wir auf den Gästelisten der besten Clubs der Stadt landeten. Wir liebten Göteborg! Als am späten Nachmittag der offizielle Teil unseres Besuches vorbei war, zog es uns als erstes aufs Hotelzimmer, wo wir erschöpft auf unseren Betten landeten und das taten, was wir schon in Tallinn richtig gut konnten: reden, reden, reden. Es wurde immer später und wir immer unfitter, aber schließlich rafften wir uns doch auf, duschten, machten uns fertig und starteten ins Nachtleben. Da es schon fast 22 Uhr war waren wir nicht besonders großer Hoffnung, in unserem Wunschlokal noch einen Tisch und etwas zu essen zu bekommen, aber wir wurden wahnsinnig freundlich (natürlich) empfangen und bekamen den letzten Zweiertisch. Zwei Kellner kümmerten sich abwechselnd hervorragend um uns - wir liebten Göteborg! Nach einem köstlichen Mahl tauchte auf einmal ein köstlicher Hintern neben mir auf, der - wie sich schließlich herausstellte - zu einem Engländer gehörte. Ist das mein Los? Treffe ich von nun an immer auf Engländer, wenn ich mit Nooshin verreise? Naja, wie dem auch sei, diesmal war der Abend nicht so ergibig wie in Tallinn und nach einem netten Gespräch mit ihm und seinen englischen Kumpels und seinem schwedischen Cousin zogen Nooshin und ich weiter zu einem der coolen Clubs auf dessen Gästeliste wir standen. Es war bereits kurz vor eins. Wir kamen zu dem Club - und waren überrascht. Wo war die Schlange? In Stockholm ist ein Club nur cool, wenn man davor ungefähr 20 Minuten in der Schlange steht und hofft, zu den Auserwählten zu gehören, die überhaupt reindürfen. Nicht so in Göteborg. Die Türstehen lächelten uns freundlich zu, hießen uns willkommen und winkten uns rein. Wir liebten Göteborg! Wir gingen hinein - und wo zahlt man jetzt den Eintritt? Ach was, kostet nix... Wir konnten es nicht fassen... An der Garderobe wurden wir mit einem Zahnpastalächeln bedient (in Stockholm wird man nur grimmig angeguckt), und als wir an der Bar unsere Drinks bestellten wurden wir von dem sympathischen Barkeeper in ein sympathisches Gespräch verwickelt, weil er mit der Bestellung "Jägermeister mit Orangensaft", die Nooshin zu meinem Entsetzen für mich aufgab, nicht so viel anfangen konnte und dann selber erstmal probieren musste. Wir liebten Göteborg! Das mit dem Trinken habe ich noch nicht so drauf, und so guckte Nooshin etwas ungläubig, als ich nach 5 Minuten schon das halbe Glas leergetrunken hatte. Es kribbelte zwar etwas in meinen Beinen, aber das war dann auch das Einzige, was ich vom Alkohol merkte. Erstaunlich. Nach kurzer Zeit tauchten auch die Engländer auf, aber mehr als ein paar nette Gespräche kamen nicht zustande. Und so zogen Nooshin und ich weiter in den nächsten Club. Auch hier: keine Schlange, freundliche Türsteher und eine zuckersüße Kassiererin, die uns sofort auf der Gästeliste fand und uns viel Spaß wünschte. Wir liebten Göteborg!!! Während ich aufs Klo ging sorgte Nooshin für die Drinks (ich hatte ausdrücklich ein Wasser verlangt), und natürlich brauchte ich mich nicht wundern, als ich zurückkam und der Barkeeper gerade dabei war, mit verwundertem Blick einen O-Saft mit Jägermeister zu mischen. Ich weigerte mich aber diesmal zu trinken, so dass Nooshin herhalten musste. Schließlich tanzten wir noch bis wir uns dann um 4 Uhr mit schmerzenden Füßen und voller Liebe für Göteborg und die Bewohner ins Hotel schleppten und todmüde in unsere Betten fielen. Am Samstag begannen wir den sonnigen Tag mit dem prima Hotelfrühstücksbuffet. Herrlich! Dann mussten wir allerdings leider unsere Sachen packen, denn die für die kommende Nacht war Göteborg so ausgebucht, dass selbst wir mit unseren Beziehungen kein Hotelzimmer mehr bekommen haben, und uns nun auf den Weg zu unserem Bed & Breakfast machten... Unser Transportmittel änderte sich von Privatwagen zu Straßenbahn, und unser Zimmer hatte mit der Minisuite im 4*-Hotel auch nicht mehr so richtig viel gemeinsam... Tja, das war also der Abstieg von Dienst- zu Privatreise! Schließlich machten wir uns auf, Göteborg nun ohne Stress zu entdecken. Wir hatten immerhin den Göteborg-Pass bekommen, der uns den kostenlosen Eintritt in alle Museen und Attraktionen ermöglichte. So sahen wir uns zuerst das Universeum an, eine Art Aquarium für unterschiedliche Klimazonen. Ich stehe ja nicht so auf Tierhaltung, aber ich glaube, es war das erste Mal, dass ich in einem Aquarium war - und ich war schon beeindruckt. Vielleicht sollte ich doch mal einen Tauchschein machen. Schließlich packte uns die fika-Lust (fika = Kaffee trinken und Kuchen essen), und so steuerten wir Göteborgs ältesten Teil an. Inzwischen war es sehr bewölkt geworden, dämmerig, es wurde immer windiger, und es war kalt. Also betraten wir ein kleines Café, in dem wie immer Selbstbedienung war. Versehentlich drängelten wir uns vor einen Mann, der uns so anschnauzte, dass wir sicher waren, dass er unmöglich aus Göteborg kommen kann... Kurz nach uns kam ein junger Typ rein, setzte sich an den Nebentisch und fragte uns auf Englisch, ob in dem Laden Selbstbedienung sei. Ich dachte mir schon, dass er Deutscher ist, was sich später bestätigte, als er uns wieder etwas fragte. So entwickelte sich ein Gespräch, und wir wurden schließlich von ihm zu einer Party im Studentenwohnheim seines Kumpels eingeladen, wozu er die Worte benutzte "Naja, wahrscheinlich seid ihr ja schon etwas zu alt für sowas" Na, vielen Dank! Wir sagten, wir würden es uns überlegen (hatten dann aber keine Lust, den Abend mit einem Haufen angetrunkener Halbstarker zu verbringen). Schließlich war es Zeit für den Höhepunkt unseres Aufenthaltes, Weihnachtsmarkt auf Liseberg, dem bekannten Göteborger Tivoli. Wir traten also vor die Tür - und es goß in Strömen!!! Da wurde mir klar, dass Stockholm eigentlich doch meistens gutes Wetter hat, wenig Niederschlag, und wenn es mal regnet, dann eher gemäßigt. Aber Göteborg - ja, das erinnerte mich an Kiel! Kalter Wind, nasskalt, strömender Regen, grau in grau - das kam mir bekannt vor. Wir liefen im Regen zur nächsten Straßenbahnhaltestelle und mussten ewig in der Kälte warten, bis eine kam. Die Leute schauten grimmig drein, oh, was hassten wir Göteborg plötzlich! Irgendwie hatte sich alles geändert seit wir vom 4*-Hotel ins Bed & Breakfast gezogen waren... Schließlich beschloss Nooshin, bei dem Wetter nicht nach Liseberg zu fahren. Ich war unentschlossen, entschied mich dann aber doch dafür und fuhr folglich alleine. Natürlich hätte ich es mir sparen können. Das Ganze muss schön sein mit Schnee, alles ist beleuchtet, es gibt einen Weihnachtsmarkt mit kleinen Buden; man kann Schlittschuh laufen, Ski fahren, Schlitten fahren... Aber wenn es schüttet wie aus Eimern ist das Ganze weniger erheiternd, wobei es nicht gerade leer war, und einige sogar Karussel gefahren sind! Ich war nach kurzer Zeit ohne Schirm dann schließlich klatschnass und durchgefroren (ich hasste Göteborg!) und machte mich auf zu unserer Unterkunft. Zum Glück war es in unserem Zimmer schön warm, immerhin. Nass und durchgefroren und müde wie wir waren hatten wir gar keine große Lust, etwas zu machen. Eric hatte uns auch im Stich gelassen und uns nicht auf irgendwelche Gästelisten für den Samstagabend gesetzt, wir sehnten uns nach Stockholm. Draußen goß es immer noch, was bedeutete, dass wir uns auch entscheiden mussten, wo genau wir hinwollten, da wir nicht wie gedacht einfach durch die Straßen spazieren konnten bis wir etwas fanden was uns gefiel. Also bestellten wir ein Taxi für eine bestimmte Zeit, gingen raus und warteten im Regen. Kein Taxi. Wir warteten und froren und hassten Göteborg. Nach 10 Minuten rief Nooshin in der Taxizentrale an. 3 Minuten lang meldete sich keiner. Wir hassten Göteborg. Dann teilte man uns mit, dass man uns ein neues Taxi schicken würde und dass das sofort da wäre. Wir warteten. Wir froren. Es schüttete. Wir hassten Göteborg. Nach 10 Minuten gaben wir auf und machten uns auf in Richtung Straßenbahn. Da kam das Taxi. Wir stiegen ein und Nooshin beschwerte sich ganz leicht, dass es gedauert hatte. Die Taxifahrerin fuhr uns an, dass es ja wohl nicht ihre Schuld wäre, dass das erste Taxi einfach nicht gekommen ist. Wir nannten unser Ziel, wussten aber nur den Namen des Restaurants und die Straße, nicht die Hausnummer. Sie wusste es auch nicht und befahl uns, selber Ausschau zu halten. Schließlich fanden wir es und sie hielt, ca. 20 Meter vom Eingang entfernt. Nooshin bat sie, ein wenig dichter heranzufahren woraufhin die Taxifahrerin empört schnaubte und sagte, Nooshin wäre ja wohl nicht behindert. Wir hassten Göteborg. Unser Abendessen war lecker, und die Bedienung auch sehr nett, aber wir waren irgendwie so müde und vom Wetter so deprimiert, dass wir keine Lust hatten, noch tanzen zu gehen. Man konnte aber auch nicht einen Meter gehen ohne klitschnass zu werden! Also riefen wir uns ein Taxi, fuhren nach Hause, machten uns in dem ekeligen Gemeinschaftsbad bettfertig und gingen schlafen. Wir hassten Göteborg. In dem Haus wohnten außer uns nur zwei weitere Gäste + die beiden Söhne des Hauses und deren Oma. Aber am Sonntag hatten wir von ca. 7 Uhr morgens an das Gefühl, dass Haus ist von ca. 250 Personen bewohnt. Andauernd schlugen Türen, sprachen Menschen laut im Flur, klapperte Geschirr... Aaaaah.... Das Frühstück war okay, aber auch nicht mit unserem geliebten Hotel vergleichbar. Immerhin bezahlten wir 10 EUR weniger für die Übernachtung, da Sohnemann kein Wechselgeld hatte und wir es nicht passend. Prima! Und dann war es das auch schon. Draußen strahlte diesmal die Sonne vom blauen Himmel, aber für mich war es bereits Zeit, zum Flughafen aufzubrechen. Nooshin ist momentan in unserer Filiale in Oslo, sie hatte also noch etwas Zeit bis zur Abfahrt, um Göteborg im Sonnenschein zu genießen. Und jetzt freuen wir uns auf unsere rein private Reise nach Kopenhagen nächstes Wochenende, diesmal hoffentlich mit besserem Wetter! Aber alles in allem ist Göteborg eine sehr nette Stadt, und es hat uns so gut gefallen, dass wir wiederkommen wollen. Es ist längst nicht so hübsch wie Stockholm, wirkt vielleicht sogar etwas nüchtern und farblos. Es gibt einige schöne Gebäude, aber insgesamt wirkt das Stadtbild nicht so schön. Ich glaube, es ist ein bißchen wie Kiel: um es zu mögen, muss man dort leben. Ich glaube, zum Leben ist es eine tolle Stadt mit viel Herz, gemütlich eben. Aber vielleicht auch mit ein bißchen zu viel Regen...

Mittwoch, November 21, 2007

Läget?

Ein kleiner Exkurs in Schwedisch: das knapp zur Begrüßung zugeworfene "Läget?" heißt wörtlich übersetzt "Die Lage?" was bedeutet, dass sich der Fragende dafür interessiert, wie es dem Gesprächspartner denn so geht. So, das nur zur Einleitung und zur Erklärung der Überschrift, aber hier zum Eigentlichen: Seit Anfang November gibt es ein Projekt, das den Gemütszustand der Stockholmer erfasst und das Ergebnis anhand einer Farbskala an die Fassaden von 5 Gebäuden, die zentral in der Innenstadt stehen, projeziert. Bedeutet also in der Praxis, dass man auf der Internetseite http://www.emotionalcities.com/ seine Tagesverfassung angibt, dazu stehen einem 7 Farben zur Verfügung. Von Rot wie "supertoll" bis Lila wie "scheiße". Von den abgegebenen Stimmen wird ein Durchschnitt ermittelt, und die Fassaden erstrahlen dann in der entsprechenden Farbe. Ganz lustig anzusehen, wenn man in der Stadt ist; bzw. sind die Gebäude so hoch, dass man sie auch aus anderen Stadtteilen sehen kann. So weiß man also immer, wie die Läget der Stockholmer gerade so ist. Momentan ist es meistens Grün, was genau die Mitte ist, mit Tendenz zum etwas positiveren Gelb.

Freitag, November 16, 2007

Wieder Winter

Da isser wieder, der Winter. Es ist kalt geworden, und seit ein paar Tagen ziert eine Puderzuckerschneeschicht die Stockholmer Straßen. Aber das ist ja auch schöner als der sonst so übliche graue und nasskalte November. Von daher: nur her mit dem Schnee. Im Gegensatz zu letztem Jahr kündigt sich der Winter auch recht vorsichtig an. 2006 kamen stattdessen am 01. November so mir nichts dir nichts innerhalb weniger Stunden mehrere Zentimeter Schnee runter, so dass der Verkehr vollkommen zusammenbrach. Meine Kollegen hatten mir das vorher schon angekündigt, das sei hier immer so, wenn es zum ersten Mal schneit. Ich wollte das nicht so recht glauben, schließlich sind wir ja in Schweden, wo man an Schnee gewöhnt ist, und nicht in Schleswig-Holstein, wo alle ja schon Panik kriegen, wenn ein paar zarte Flöckchen auf der Straße liegen. Aber nein, weit gefehlt. Es ist hier wohl so, dass die Leute einfach nicht daran denken, ihre Winterreifen rechtzeitig aufzuziehen, und so kam eben das letztjährige Chaos zustande. Da ging wirklich gar nichts mehr, die Leute steckten auf den Autobahnen fest und der Busverkehr wurde fast komplett eingestellt. Ich hatte das Glück, dass eine Bahn in meine Richting fuhr, und ich dann nach einem 20-minütigen Fussweg in meinen Pumps (auch ich war nicht vorbereitet auf das Wetter) mit abgestorbenen Füßen immerhin halbwegs gut nach Hause kam. Nach wenigen Tagen war der Schnee letztes Jahr dann wieder weg und kam erst Ende Januar wieder, was schade war. Ich hoffe also, dass es dieses Jahr ein etwas besserer Winter wird, dass die Ostsee zufriert und ich mich mit Schlittschuhen und Langlaufskiern aufs Eis wagen kann.

Mittwoch, November 07, 2007

R.I.P.

Nun weilen auch die anderen beiden Fische nicht mehr unter uns. Das war eigentlich zu vermuten, und jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den Tod dieser beiden Gesellen sicher hätte vermeiden können, wenn ich gestern irgendwie das Wasser ausgetauscht hätte. Toll, dass ich mir heute ausgerechnet Lachs zum Abendessen gekauft habe... Guten Appetit.

Dienstag, November 06, 2007

Nachbarschaftshilfe

Ich wusste ja schon, dass ich nicht besonders gut mit Pflanzen umgehen kann, aber seit heute weiß ich auch, dass man mir keine Haustiere anvertrauen sollte... Mein Nachbar, der über mir wohnt, ist für zwei Wochen in die USA gereist und hat mich gebeten, seine Pflanzen zu gießen und seine Fische zu füttern, die er in einem winzigen Aquarium, das stylisch an der Wohnzimmerwand hängt, gefangen hält. Ich bin ja ein großer Verfechter davon, dass jede Art von Tierhaltung (ob Haustier, Zirkus, Tierpark oder Zoo) Quälerei ist, und ich habe ihm darüber neulich erstmal einen Vortrag gehalten. Dieses Aquarium ist einfach winzig!!! Naja, seit heute teilen es sich zumindest nur noch zwei Fische statt wie bisher sechs, das ist ja gewissermaßen ein Fortschritt. Ich weiß nicht, was passiert ist, und ob ich Schuld bin. Jedenfalls habe ich die Fischlein die letzten Tage gefüttert, aber ohne groß Notiz von ihnen zu nehmen oder auch nur darauf zu achten, ob alle da sind und sich wohl fühlen. Ich bin nur hin, habe das Futter ins Wasser geschüttet und bin wieder abgedampft. Als ich heute kam, hing allerdings einer der Fische von weißem Fluff überzogen an der Filteranlage rum und sah nicht ganz so fidel aus. Mit Sherlock Holmes-artigem Scharfsinn konstatierte ich: tot. Tja, das kann passieren, Altersschwäche, Schlaganfall, Eifersuchtsmord, Suizid, was weiß ich, was bei Fischen so abgeht, jedenfalls dachte ich: ok, schade, aber was soll's. Als ich anfing, darüber nachzusinnen, ob ich nun etwas unternehmen muss (Kripo verständigen, einen Priester rufen, panieren und ihn mir in die Pfanne hauen oder ihn seinen kanibalistischen Kumpels überlassen...) kam mir auf einmal ein Gedanke: waren das nicht eigentlich mal ein paar Fische mehr??? Ich zog eine Augenbraue nach oben, rückte meine Brille zurecht und begann, das Aquarium mal ganz genau zu inspizieren. Oh ja, an der Wasseroberfläche schwammen orangene Reste, könnte mal ein Goldfisch gewesen sein, dessen eine Hälfte bereits verspeist worden ist. Nach weiterer Recherche entdeckte ich halb in den Steinen am Grund verbuddelt eine weitere Leiche. Oha, drei Tote im Wasser, das kann dann doch nicht so gesund sein für die anderen. Ich fluchte und versuchte, herauszufinden, wie ich das Aquarium unbeschadet von der Wand bekommen könnte, um das Wasser auszuwechseln. Die Angst, es kaputt zu kriegen (und das Wasser dann bei mir von der Decke tropfen zu haben) hielt mich dann doch von ausführlicheren Versuchen ab. Schließlich entdeckte ich einen kleinen Kescher und dachte mir, damit könne ich die Fischleichen zumindest aus dem Wasser rausangeln. Frisch ans Werk gemacht wirbelte ich jede Menge Schmurks im Wasser auf und versuchte, die herumtreibenden Fischreste einzufangen. Japp, geschafft. Raus aus dem Wasser, rein in die Müslischale (is ja nich meine). Jetzt musste ich noch den Fisch loskriegen, der sich ganz unten hartnäckig im Boden verhakt hatte. Tja, und als ich den freibekam, stieg zusammen mit ihm ein weiterer toter Fisch auf. Japp, nun waren es also bereits vier Fische, die da in der Müslischale lagen. Vielleicht ein Serienmörder? Ein Fall für CSI? Cold Case? Derrick? Adelheid (ach nee, die kann ja nu nich mehr)? Mein Nachbar arbeitet selber bei der Polizei und wird wohl einen Rat wissen; aber ich kann die Fische ja nicht die nächsten zwei Wochen in meiner Kühltruhe zwischenlagern. Wohin nun also damit? Tja, klar, der Klassiker. Ab ins Bad, Klobrille hoch, ein paar liebe Worte, das Kreuzzeichen und ab dafür. Nun bin ich gespannt, ob die beiden Witwen/Waisen/Hinterbliebenen überleben, denn ich weiß ja nicht, ob das Wasser nu vergiftet ist. Und vor allem: wie soll ich es meinem Nachbarn erklären??? Der Kerl baggert mich seit Monaten an, und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: er wird mich hassen und nie wieder ein Wort mit mir sprechen, weil ich seine Fische umgebracht habe (somit hätten dann auch schlimme Dinge wieder eine positive Seite), oder er wird mich erpressen und mir einreden, ich wäre ihm nun was schuldig... Hmpf.

Sonntag, November 04, 2007

Allerheiligen

Komisch, dass ich viel mehr an Sitten und Bräuchen interessiert bin seit ich im Ausland lebe; in Deutschland habe ich es immer abgelehnt - ziemlich vehement sogar. Jaja, ich habe meine Prinzipien (nicht wahr, Hardi?), aber die schmeiße ich ja auch hin und wieder gerne über den Haufen. Von daher nehme ich also hier irgendwie fast alles mit, was so anliegt. Als sehr religiöse Anhängerin Gottes und der Kirche (hahahahahaha) beginne ich nun sogar schon, richtig kirchliche Anlässe mitzunehmen. Sprich: Allerheiligen. Fällt in Schweden immer auf den Samstag nach dem 01. November (die Schweden haben ein Faible dafür, Feierlichkeiten auf Tage zu legen, die ihnen besser in den Kram passen; ich wundere mich etwas, dass sie Weihnachten nicht immer Montag und Dienstag feiern; aber das kommt bestimmt nochmal irgendwann). Ich habe an Allerheiligen noch nie einen Gedanken verschwendet, bis mich letztes Jahr mein lieber Freund Andreas auf einen Friedhof mitnahm und mir erzählte, man würde dort Kerzen anzünden an diesem Tag. Ich hatte das bis dahin tatsächlich noch nie gehört - macht man das in Deutschland eigentlich auch? Jedenfalls war es sehr schön, und so ließ ich es mir nicht nehmen, auch gestern in der Dämmerung zu diesem schaurig-schönen Ereignis zu starten. Mein Ziel war diesmal der Stockholmer Skogskyrkogården, der Waldfriedhof, der auf der Liste des UNESCO Weltkulturerbes steht. Die U-Bahn dorthin war brechend voll, vor dem Friedhof waren mehrere Würstchenbuden aufgebaut, und die Menschenmenge, die sich in Richtung Haupteingang schob war guter Dinge. Das Ganze erinnerte etwas mehr an ein fröhliches Volksfest als an ein stilles Gedenken der Toten. Auf dem Friedhofsgelände angekommen war es dann dunkel, ein paar Fackeln waren an einem Punkt aufgebaut, und von dem Gedenkplatz, der auf einem Hügel unter ein paar Bäumen lag, strahlte das Licht von Hunderten von Kerzen in den Himmel. Schön. Ich folgte den Menschenmassen zu einer Kapelle, wo gerade ein Chor zu singen begonnen hatte. Ich finde Chormusik immer so ergreifend, dass ich einen großen Kloß im Hals bekomme und mir immer ganz wehmütig und warm ums Herz wird. Es hörte sich also sehr schön an, aber war sehr voll, so dass ich den Kloß runterschluckte, wieder in die dunkle Nacht hinaustrat und mich auf den Weg zu den Gräbern machte. Es sah so unglaublich toll aus, denn auf fast jedem Grab waren eine oder mehrere Kerzen aufgestellt. Der flackernde Schein Tausender von kleiner Flammen, hin und wieder die Umrisse eines Kreuzes, niedergelegte Kränze und Blumen und ab und zu das Auftauchen eines Namens auf einem Grabstein - das war schon ein schaurig-schönes Erlebnis. Was mich jedoch während meines Rundgangs zwischen den Gräbern fremder Leute am meisten bewegte, war, dass ich kaum traurige Menschen sah. Stattdessen hüpften die Kinder herum und riefen fröhlich "Mama, gehen wir jetzt zu Opa?" und wedelten voller Vorfreude mit Opas noch unangezündetem Grablicht in der Luft herum. Pärchen liefen Arm in Arm und lachten oder unterhielten sich über ganz alltägliche Dinge wie das bevorstehende Abendessen. Sicher, an den Gräbern und dem Gedenkplatz gab es ernste Gesichter, stille Tränen und Schweigen. Aber alles in allem hatte ich das Gefühl, dass der Tod der Angehörigen akzeptiert wurde, dass die Leute zwar traurig waren, aber auch froh um die Zeit, die sie mit dem Toten einmal verbracht haben. Das hat mir sehr gut gefallen, diese Atmosphäre, die Stimmung und die Einstellung, dass man Kinder jeden Alters mit dem Tod konfrontieren kann, denn schließlich gehört er ja zum Leben dazu.