Nachbarschaftshilfe
Ich wusste ja schon, dass ich nicht besonders gut mit Pflanzen umgehen kann, aber seit heute weiß ich auch, dass man mir keine Haustiere anvertrauen sollte... Mein Nachbar, der über mir wohnt, ist für zwei Wochen in die USA gereist und hat mich gebeten, seine Pflanzen zu gießen und seine Fische zu füttern, die er in einem winzigen Aquarium, das stylisch an der Wohnzimmerwand hängt, gefangen hält. Ich bin ja ein großer Verfechter davon, dass jede Art von Tierhaltung (ob Haustier, Zirkus, Tierpark oder Zoo) Quälerei ist, und ich habe ihm darüber neulich erstmal einen Vortrag gehalten. Dieses Aquarium ist einfach winzig!!! Naja, seit heute teilen es sich zumindest nur noch zwei Fische statt wie bisher sechs, das ist ja gewissermaßen ein Fortschritt. Ich weiß nicht, was passiert ist, und ob ich Schuld bin. Jedenfalls habe ich die Fischlein die letzten Tage gefüttert, aber ohne groß Notiz von ihnen zu nehmen oder auch nur darauf zu achten, ob alle da sind und sich wohl fühlen. Ich bin nur hin, habe das Futter ins Wasser geschüttet und bin wieder abgedampft. Als ich heute kam, hing allerdings einer der Fische von weißem Fluff überzogen an der Filteranlage rum und sah nicht ganz so fidel aus. Mit Sherlock Holmes-artigem Scharfsinn konstatierte ich: tot. Tja, das kann passieren, Altersschwäche, Schlaganfall, Eifersuchtsmord, Suizid, was weiß ich, was bei Fischen so abgeht, jedenfalls dachte ich: ok, schade, aber was soll's. Als ich anfing, darüber nachzusinnen, ob ich nun etwas unternehmen muss (Kripo verständigen, einen Priester rufen, panieren und ihn mir in die Pfanne hauen oder ihn seinen kanibalistischen Kumpels überlassen...) kam mir auf einmal ein Gedanke: waren das nicht eigentlich mal ein paar Fische mehr??? Ich zog eine Augenbraue nach oben, rückte meine Brille zurecht und begann, das Aquarium mal ganz genau zu inspizieren. Oh ja, an der Wasseroberfläche schwammen orangene Reste, könnte mal ein Goldfisch gewesen sein, dessen eine Hälfte bereits verspeist worden ist. Nach weiterer Recherche entdeckte ich halb in den Steinen am Grund verbuddelt eine weitere Leiche. Oha, drei Tote im Wasser, das kann dann doch nicht so gesund sein für die anderen. Ich fluchte und versuchte, herauszufinden, wie ich das Aquarium unbeschadet von der Wand bekommen könnte, um das Wasser auszuwechseln. Die Angst, es kaputt zu kriegen (und das Wasser dann bei mir von der Decke tropfen zu haben) hielt mich dann doch von ausführlicheren Versuchen ab. Schließlich entdeckte ich einen kleinen Kescher und dachte mir, damit könne ich die Fischleichen zumindest aus dem Wasser rausangeln. Frisch ans Werk gemacht wirbelte ich jede Menge Schmurks im Wasser auf und versuchte, die herumtreibenden Fischreste einzufangen. Japp, geschafft. Raus aus dem Wasser, rein in die Müslischale (is ja nich meine). Jetzt musste ich noch den Fisch loskriegen, der sich ganz unten hartnäckig im Boden verhakt hatte. Tja, und als ich den freibekam, stieg zusammen mit ihm ein weiterer toter Fisch auf. Japp, nun waren es also bereits vier Fische, die da in der Müslischale lagen. Vielleicht ein Serienmörder? Ein Fall für CSI? Cold Case? Derrick? Adelheid (ach nee, die kann ja nu nich mehr)? Mein Nachbar arbeitet selber bei der Polizei und wird wohl einen Rat wissen; aber ich kann die Fische ja nicht die nächsten zwei Wochen in meiner Kühltruhe zwischenlagern. Wohin nun also damit? Tja, klar, der Klassiker. Ab ins Bad, Klobrille hoch, ein paar liebe Worte, das Kreuzzeichen und ab dafür. Nun bin ich gespannt, ob die beiden Witwen/Waisen/Hinterbliebenen überleben, denn ich weiß ja nicht, ob das Wasser nu vergiftet ist. Und vor allem: wie soll ich es meinem Nachbarn erklären??? Der Kerl baggert mich seit Monaten an, und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: er wird mich hassen und nie wieder ein Wort mit mir sprechen, weil ich seine Fische umgebracht habe (somit hätten dann auch schlimme Dinge wieder eine positive Seite), oder er wird mich erpressen und mir einreden, ich wäre ihm nun was schuldig... Hmpf.


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