Freitag, Juni 30, 2006

Jens, mein Held

Am Mittwoch meinte meine eine Kollegin ganz ernst zu unserer Chefin: "Anette, wir haben da ein Problem. Am Freitag um 17 Uhr spielt Deutschland im Viertelfinale..." woraufhin Anette ganz locker meinte: "Naja, dann schliessen wir eben das Büro und gehen alle zusammen irgendwohin!" Das nenn ich doch mal aufmunternd. Alle wollten/konnten nicht mit, aber immerhin zu sechst zogen wir heute los. Wir hatten einen Tisch reserviert in einer amerikanischen Sportsbar. Zusätzlich zu den Grossbildleinwänden gab es in jeder Sitznische einen eigenen kleinen Bildschirm, was natürlich richtig cool war. Ich war als erste da und stellte fest, dass auf unserem Bildschirm Tennis lief... Man konnte/sollte/durfte das nicht selber ändern, so dass ich einer Bedienung Bescheid sagen musste, die dann etwas mürrisch guckend auf Fussball umstellte. Schliesslich kamen auch meine Kolleginnen, und es ging los. Ziemlich schnell war klar, dass die anwesenden Schweden komplett für Argentinien jubelten, nachdem die bösen Deutschen die blau-gelbe Mannschaft letzte Woche aus der WM gekickt hatten. Umso lauter mussten wir 6 grölen, jubeln, klatschen, stampfen und schreien. Panik ergriff uns immer zwischendurch, wenn der übertragende schwedische Fernsehsender einblendete, dass ab nun ein anderer Sender das Spiel überträgt, und natürlich alle Bildschirme auf den neuen Sender umsprangen - nur unser nicht. Wobei das zu Beginn auch nichts machte, denn zwischendurch fragte ich mich, ob das nicht doch Tennis ist (Ball nach links, Ball nach rechts, Ball nach links...) oder Ringen oder einfach nur lustiges der-Reihe-nach-Hinfallen-und-schmerzverzehrt-Gucken. Die zweite Halbzeit war ja dann auch viel besser, und das Elfmeterschiessen war natürlich der Oberhammer. Jens Lehmann, was soll ich sagen. Ein wahrer Fussballheld. Hält 2 Elfmeter und hebt bescheiden den Arm, während die Nation vollends aus dem Häuschen ist, Frau Merkel dem frisch vermählten Herrn Beckenbauer in die Arme fällt, und wir paar Deutschen in der Stockholmer Sportsbar mit unserem Freudengeschrei die Gläser zum Bersten bringen. Neeeee, was ist das herrlich, sich über solche Banalitäten freuen zu können, und zu jubeln, als hätte man selber den Ball gehalten... Und diese Genugtuung, dass die Schweden schon wieder dumm aus der Wäsche gucken. Hach. Vor lauter Stolz habe ich sogar mein Trikot angelassen und bin damit stolz grinsend nach Hause geradelt. Auf ins Halbfinale!

Sonntag, Juni 25, 2006

Franz

Eigentlich bin ich ja kein Tierfreund, aber er war plötzlich da, der Franz. Und was bleibt einem da anderes übrig, als ihn sofort ins Herz zu schliessen? Gross und schwarz kommt er in der Dämmerung hervorgekrochen aus seinem Versteck und hält dann die ganze Nacht vor meinem Schlafzimmerfenster Wache, guckt auf das bunte Treiben der Stadt und passt auf, dass mir nichts passiert. Der Franz. Ich hoffe nur, dass ihm nicht irgendwann kalt wird in der Zugluft, und es ihn zu mir ins Warme zieht. Und ich weiss auch, warum ich nie das Fenster öffne, sondern nur die Lüftungsschlitze, die mit Filterwolle ausgestopft sind und sonst alle anderen Fenster und Türen in der Wohnung zum Lüften aufreisse... Nun ja, aber was will man machen. Der Franz. Der tut doch nichts, der will doch nur spielen...

Samstag, Juni 24, 2006

"Ihr könnt nach Hause geh'n..." Achtelfinale Deutschland-Schweden

Bisher habe ich mich für die WM nicht sonderlich interessiert, obwohl ich ja als freiwillige VIP-Betreuerin in Hamburg hätte dabei sein können, was mir auf Grund meines Umzuges nach Schweden versagt geblieben ist. Nun ja, jedenfalls war ich nicht so im Bilde, was die Spiele betraf, merkte nur, dass man an bestimmten Tagen in Stockholm viel blau-gelb auf den Strassen sah. Ich habe mir auch sagen lassen, dass die Stimmung in Deutschland genial ist, was ich wohl glaube, wenn man die WM im eigenen Land hat. Vor ein paar Tagen spielte dann jedoch Schweden gegen England, und am Ende des Spiels stand fest: der nächste Gegner heisst Deutschland, Achtelfinale. Und was titelten die Zeitungen am nächsten Tag? "Achtung Deutschland, nun geht die WM erst richtig los" Die Schweden sind halt in allem äusserst siegessicher und so haben sie sich bereits als Weltmeister gesehen. Es folgten Analysen der deutschen und schwedischen Mannschaft, und natürlich standen die Schweden in allem besser da als die Deutschen - ausser beim Thema "Fans", denn da war auch den Schweden klar, dass die Deutschen Heimspiel haben. Trainer Lagerbäck wurde hochgelobt, als Gott betitelt, das Beste, was Schweden je hatte - und der Journalist gab an, seinen Sohn nach ihm benennen zu wollen. Am Donnerstag erschien in der Zeitung dann die Schlagzeile "Dieses Jahr feiern wir Mittsommer einen Tag später" und als lustige Beigabe gab es ein Tischset zum Ausschneiden mit Klinsmanns Bild in der Mitte und dem Satz "Stell deinen Heringsteller auf Klinsi" darüber und darunter folgte die Erklärung, dass er nun nicht gerade ein Mittsommernachtstraum sei. Die Überschrift des Ganzen lautete: "Neue Tradition dieses Jahr, liebe Leute: Der Mittsommerabend ist nur die Vorfeier. Schmückt die Majstång mit etwas Deutschem und tanzt wie Ljungberg und Zlatan um Ballack. Hebt das Glas für Lagerbäck, pflückt 7 Sorten Spieler, legt sie unters Kissen und träumt vom Viertelfinale. Hier ist das perfekte Tischset für das Mittsommerfest des Jahres" Ein Platz für den Heringsbecher war eingezeichnet, einer fürs Schnapsglas, und einige Trinklieder waren abgedruckt, deren Texte entsprechend umgedichtet waren und die schwedischen Spieler aufs Höchste lobten und anfeuerten. Und 7 Konterfeis schwedischer Spieler waren auf Blümchen abgedruckt mit dem Satz, dass man doch diese 7 Blumen unter dem Kopfkissen haben sollte (nun gut, ich muss schon zugeben, dass die Schweden recht hübsche Knaben in der Mannschaft haben, und sonst so überall anders übrigens auch...) Ein gewisser Nationalstolz lässt sich als Auswanderer nun ja nicht verleugnen, und da Hardi mir auch ein Trikot geschenkt hatte, war klar: das Spiel wird geguckt - und zwar öffentlich. Nun hatte ja Simone eben wie bereits erwähnt 3 Freundinnen zu Besuch, und so trafen wir uns pünktlich zum Anpfiff in einer Kneipe am Rande der Altstadt. Dort war ausser uns noch eine weitere Gruppe deutscher Frauen und ansonsten einige Typen in blau-gelb. Tja, und wir brauchten uns nicht lange gedulden - schon fiel das erste Tor für Deutschland. Wir jubelten, und die Schweden guckten böse. Nur ein paar Minuten später jubelten wir wieder und wurden dann Zeuge, wie sich die Minen der anwesenden Schweden im Laufe der Zeit immer weiter verdunkelten. Deutschland war klar die bessere Mannschaft, obwohl die Schweden sich gut gehalten haben, dafür, dass sie bereits in der ersten Halbzeit wegen Rot nur noch zu zehnt spielten. Gleich nach dem Spiel kam die Frage auf, ob der Trainer nicht lieber gehen sollte - nix mehr von "das Beste..." Nun ja, vielleicht sollten die Schweden von Zeit zu Zeit mal Realist bleiben. Vielleicht können sie sich ja damit trösten, dass sie gerade Hallenhockey-Weltmeister geworden sind, und im Eishockey sind sie ja auch sehr gut. Aber der Fussball, der bleibt der Sport der Deutschen :-)

Kleine Frösche, Maibaum und Blumenkränze - Mittsommer in Schweden

Mittsommer - oder schwedisch Midsommar - ist wohl das schwedischste aller Feste, und der beliebteste Feiertag. In diesem Jahr war es mir zum ersten Mal vergönnt, diese Tradition zumindest teilweise mitzuerleben. Gefeiert wird an dem Freitag, der dem 21. Juni, also dem längsten Tag des Jahres, am nächsten liegt. Man feiert den Sommer, denn die Schweden haben auf Grund der geographischen Lage einen etwas besonderen Bezug zur warmen bzw. hellen Jahreszeit. Der Tradition nach wird am frühen Nachmittag die Majstång (also Maistange, Maibaum) mit Blumen und Kränzen geschmückt (meistens von Kindern) und dann aufgerichtet. Im Anschluss singt man und tanzt um den Baum, und auf dem Land tragen die Leute meistens ihre Trachten. Nachdem mein ursprünglicher Plan, Midsommar bei Annelie im Garten zu feiern, geplatzt ist, weil Annelie doch nicht feiern wollte, bin ich mit Simone und ihrem 3-Mädels-Besuch aus Deutschland nach Skansen gefahren. Skansen ist ein Freilichtmuseum hier in Stockholm, und gerade Feiertage werden da sehr traditionell aufgezogen. Als wir dorthin kamen, stand die Majstång schon, und die Leute tanzten drum herum, während ein paar Musiker fidelten und 3 Frauen dazu die traditionellen Lieder sangen. Was mich an dieser eigentlich sehr schönen Art, den Sommer zu feiern, erstaunte, war, dass es sich bei den Liedern nicht etwa um Volkslieder, sondern im Prinzip um Kinderlieder handelte. Und während man also um die Majstång tanzt und singt, muss man passend zu den Liedern auch immer ulkige Bewegungen machen. Und ich muss schon sagen, dass es äusserst lustig aussieht, wenn ein Haufen Erwachsener (jaja, es waren deutlich weniger Kinder an dem Spektakel beteiligt) wie Frösche hüpft, mit den Händen einen Elefanten-Rüssel nachmacht oder Mückensummen imitiert. Und da wir ja in einer Multi-Kulti-Grossstadt leben, hüpften mitten unter den Schweden in Trachten auch Inder, Schwarze, Asiaten und bekopftuchte Muslime grimassierend um die Majstång. Hier ein Auszug aus einem der Lieder, damit Ihr wisst, was ich meine: "Små grodorna, små grodorna" (die kleinen Frösche, die kleinen Frösche) "är lustiga att se" (sind lustig anzusehen) "Ej öron, ej öron" (keine Ohren, keine Ohren) "ej svansar hava de!" (keine Schwänze haben sie) Ko-ack-ack-a, ko-ack-ack-a,Ko-ack-ack-ack-ack-a.Ko-ack-ack-a, ko-ack-ack-a,Ko-ack-ack-ack-ack-a (soll ein Froschquaken darstellen). So, und nun stellt Euch bitte die Inder vor, wie sie quakend um die Stange hüpfen! Ich sage Euch: ich war tief beeindruckt von all dem, und habe mir vorgenommen, dass ich nächstes Jahr unbedingt irgendwo auf dem Land feiern will, um das ganze so richtig richtig zu erleben! Da ein Teil der Leute Blumenkränze auf dem Kopf hatte (was auch zur Tradition gehört), machten wir uns auf den Weg, um zu gucken, wo man die erwerben kann. Wir landeten aber schliesslich im Tiergehege des Museums, bestaunten Wildschweine beim Kämpfen, sahen einem Vielfrass dabei zu, wie es sehr zweideutige Bewegungen machte, woraufhin alle Leute amüsiert-pikiert zur Seite guckten und kamen schliesslich zu einem Elch, der sehr gelangweilt in der Gegend rumguckte. Leider fing es dann ziemlich plötzlich zu schütten an, so dass wir uns einen Augenblick unterstellen mussten. Da wir etwas klamm waren und zu frieren anfingen, beschlossen wir, doch lieber irgendwo was essen zu gehen und verliessen Skansen. Normalerweise hätte es dort noch Volkstanz gegeben, und wahrscheinlich auch das tradtionelle Midsommar-Essen Kartoffeln mit tonnenweise Sill (Hering), Sauerrahm und zum Nachtisch Erdbeeren mit Sahne. Und vermutlich wäre auch hier das Ganze zu einem Saufgelage ausgeufert, denn auch literweise Schnaps und vor allem Trinklieder gehören zum Midsommarfest wie der Sill. Aber wir landeten in einem netten Restaurant und assen sehr lecker, wobei uns auffiel, dass um uns rum nur Ausländer waren, denn alle Schweden waren wohl tatsächlich nicht in der Stadt. Dann hatten wir hinterher die wahnwitzige Idee, noch einen Cocktail (bzw. ein Wässerchen) trinken zu gehen und machten uns auf den Weg in die Stadt. Ich hatte ja meiner Chefin nicht glauben wollen, aber es war wirklich überall wie ausgestorben. Es waren kaum Leute auf der Strasse - und vor allem waren alle Clubs und Bars dicht, die Aussenterassen leer, die Läden dunkel... Wir irrten durch die Strassen und gaben schliesslich auf. Als ich bei mir aus dem Bus stieg und mein Blick auf das von der Hausverwaltung idyllisch angelegte Blumenbeet fiel, dachte ich an den alten Brauch, den man schon von Bullerbü kennt: als Mädchen soll man in der magischen Midsommarnacht schweigend 7 verschiedene Wildblumen an 7 verschiedenen Weiden sammeln und sie sich schliesslich unters Kopfkissen legen. Dann träumt man von dem Mann, den man mal heiraten wird. Tja, als Stadtbewohner ist das nun nicht ganz so einfach, aber man will ja schon mal wissen, was die Zukunft da so für einen Kerl für einen in Petto hat, und so muss man eben ein bisschen improvisieren. Also machte ich meinen mp3-Player aus (wegen des Schweigens) und fiel erst über das besagte Blumenbeet her (ich weiss nicht, ob Geranien als Wildblumen gelten, aber was soll's), rupfte dann an Heckenrosen und anderen blühenden Büschen herum (ob Blume oder Busch - Hauptsache es blüht, dachte ich mir) und packte die Beute schliesslich zuhause in einen Gefrierbeutel (man will ja nicht fremder Leute Kopfkissen einsauen). Tja, das ganze war nicht so erfolgreich, ich habe von meinem Opa und meinem Vater geträumt und war etwas enttäuscht, als ich heute morgen aufwachte. Und irgendwie musste ich den ganzen Vormittag über niesen - vielleicht sollte man als Allergiker nicht jeder Tradition nachjagen...

Sonntag, Juni 11, 2006

"Mit den Beinen zu baumeln ist ein Lebensgefühl"

Wie angekündigt war ja Wiebke neulich da. Sie hat nicht wirklich viel von mir gehabt hier in Stockholm, weil ich abends erst zwischen 20 und 21 Uhr nach Hause kam, aber wir hatten ja 4 freie Tage zusammen vor uns. Am Freitag, den 02.06., sind wir also abends in Richtung Westen aufgebrochen, landeten aber natürlich erstmal im Stau, bis wir aus Stockholm raus waren. Ausserdem stellten wir fest, dass in Schweden alles ziemlich beschissen ausgeschildert ist... Wiebke hatte noch in Stockholm 2 Plüsch-Schweinemasken entdeckt, die wir auf unsere Fahrt mitgenommen hatten. Ich frage mich nur, warum Wiebke es gar nicht lustig fand, dass ich meine Maske während der Fahrt aufsetzte und sie immer aufforderte, die anderen Autos zu überholen. Sie nahm mir die Maske schliesslich weg... In der mittelschwedischen Stadt Örebro haben wir dann eine Zwischenübernachtung eingelegt. Ich habe mal wieder die Vorteile meines Berufes ausgenutzt, und so konnten wir günstig im Best Western Hotel wohnen. Am nächsten Tag ging es dann weiter auf die grösste schwedische Nordseeinsel Orust, unser Ziel. Die Sonne schien, das Meer glitzerte, die Laune war blendend - jetzt fehlte uns nur noch eine Unterkunft. Also sind wir im Hauptort der Insel, Henån, in die Touri-Info und haben nach einer Hütte gefragt. Wir wollten am liebsten in den Süden der Insel, in den Ort Mollösund. Aber da gab es nix, und die eigentliche Hüttenvermittlung hatte auch schon geschlossen. Dann fragten wir nach Hotels und Pensionen in Mollösund, und schliesslich hatte eine Pension dort noch ein Zimmer frei - mit Balkon. Die Pension hatten Wiebi und ich auch schonmal im Internet gesehen, es sah sehr nett aus. Ich hatte selber auch vor ein paar Wochen angerufen, aber da war alles ausgebucht. Umso besser, dass jetzt was frei war! Der Spass sollte allerdings umgerechnet 85,- € die Nacht fürs Zimmer kosten. Trotz geteiltem Bad und obwohl es nicht mal Frühstück gab. Halsabschneider! Egal, man gönnt sich ja sonst nix. Wieder auf dem Weg zum Auto kamen wir an einem Wagen vorbei, der mir sehr bekannt vorkam... Fux-Reisen, Kieler Kennzeichen... Das ist doch...! Tonja, meine ehemalige Kollegin von Gebeco, die mit ihrem Freund auch im April auf eine schwedische Insel, allerdings weiter nördlich, gezogen ist! Zufälle gibt's! Ich rief natürlich sofort bei ihr an (wie schön, ein Handy zu haben), musste aber erfahren, dass sich nur Tonjas Vermieter den Wagen geliehen hatten und nicht sie selber gerade auf Orust war. Nach der kleinen Aufregung sind Wiebke und ich dann nach Mollösund aufgebrochen Also sind wir hin und haben unser Zimmer bezogen, das weissen Dielenboden hatte und uns damit zu Entzückungsschreien und Begeisterungsjaulen veranlasste. Überhaupt war die ganze Pension äusserst geschmackvoll eingerichtet. Richtig schön schwedisch und richtig schön zum neidisch werden. Aber so idyllisch sollte es nicht bleiben... Unsere Vermieterin hatte erzählt, dass ausser uns noch 3 Mädchen in der Pension wohnten und ein Typ aus Stockholm, der zum Golfen auf der Insel ist. Irgendwas muss ich da falsch verstanden haben, denn als wir am ersten Abend nach Hause kamen, war die Küche bis obenhin voll mit ca. 12 jungen, schleimigen (Polohemd mit hochgeklapptem Kragen) Golfertypen. Ein Blick in den einen Kühlschrank sagte uns: hier geht heute noch was. Bier ohne Ende. Und richtig, die Jungs feierten eifrig bis mitten in die Nacht. Und immer wenn einer ins Bad ging, rumste die Tür, so dass Wiebi und ich nicht wirklich zu Schlaf kamen. Irgendwann musste auch ich mal und stellte fest, dass man die Tür wirklich nicht leise zumachen konnte. Als ich wieder aus dem Bad rauskam, stand plötzlich einer der Jungs nur in Unterhose vor mir und fragte mich, ob ich Zahnpasta für ihn hätte. Nett wie ich bin habe ich natürlich meine Kulturtasche hergekramt und eine gute Tat vollbracht, statt ihm eine reinzuhauen, weil er und seine Kumpels so einen Krach machen. Naja, wenn ich nicht so schlaftrunken gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht an seinem knackigen Anblick noch etwas erfreut, aber ich schlurfte in meiner Schlafanzughose und Kapuzenpulli wieder zurück ins Bett. Ach, was hatten Wiebi und ich einen Spass, weil wir so über die Kerlchen lachen konnten, wie sie so mit ihren Gelfrisuren und Polohemden in Papis Kombis morgens zum Golfen fuhren... Lustig waren auch die beiderseitigen Versuche, ein Gespräch anzufangen. Aber wenn man mal so zufällig zusammen in der Küche steht, hat man ja das Gefühl, dass man sich irgendwie unterhalten muss, und so brachte ich den wahnsinnig intelligenten Satz "Ihr spielt wohl Golf, oder?" über die Lippen, der am nächsten Tag allerdings noch dadurch getoppt wurde, dass einer der Jungs zu mir sagte "Ihr habt wohl einen Balkon, was?". Jaja, das waren schon sehr aufschlussreiche und tiefsinnige Gespräche, die wir so miteinander führten. Den Knaller brachte ich allerdings, als Wiebke und ich eines morgens unser Zimmer verliessen und just in dem Moment einer der Jungs nur mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad kam. Ich habe ihn von oben bis unten gemustert, gelächelt und "bra!" gesagt, was "gut!" bedeutet - Wiebke wäre vor Entsetzen fast die Treppe runtergefallen, während der Typ etwas irritiert grinste, so als würde er denken "Oh Gott, was hat die lüsterne Oma denn mit mir vor?", und schnell in seinem Zimmer verschwand. Naja, auf Deutsch hätte ich die Bemerkung vielleicht noch etwas ausformuliert und "Oh, das sind ja nette Anblicke am frühen Morgen" gesagt, aber auf Schwedisch brachte ich nur diese wenig geistreiche Bemerkung zustande. Abgesehen von dem Spass mit den Jungs haben wir in den Tagen sehr viel Glück mit dem Wetter gehabt. Es war sonnig, der Himmel blau, die Fischerorte traumhaft schön, aber es blies ein manchmal recht frischer Wind. Egal, es war wirklich Erholung pur. Ich habe es sogar geschafft, nicht an die Arbeit zu denken. Samstag waren wir auf Orust unterwegs, Sonntag haben wir einen Ausflug auf eine Nachbarinsel gemacht und am Montag sind wir mit der Fähre rübergesetzt auf die Insel Gullholmen/Härmanö. Während wir so am Kai sassen, Eis schleckten und die Gesichter in die Sonne hielten, stellte Wiebke fest: "Mit den Beinen zu baumeln ist ein Lebensgefühl". Oh ja, wie wahr! Schliesslich verliessen wir den Ort und machten uns auf ins inseleigene Naturschutzgebiet, wo wir über Steine, Felsen und die für die Westküste so typischen Klippen kletterten. Zwischendurch fühlten wir uns wie Eroberer (mit Handtaschen...), während wir so von Stein zu Stein hüpften, über Felsspalten kletterten und uns durch Gebüsch und Gestrüpp schlugen. So gaben wir uns schliesslich die Namen "Wiebke Royal Scott" und "Yvonne Earl Amundsen", spielten Expedition und erklommen den durch einen Steinhaufen markierten höchsten Punkt auf Lilla Härmanö. Leider waren wir nicht die ersten Menschen an diesem Ort, irgendwer hatte nämlich seine leere Weingummi-Tüte zurückgelassen, was darauf schliessen liess, dass die Zivilisation schon vor uns hier war. Am Abend erholten wir uns von den Strapazen auf unserer Terasse und ich liess mich dazu verleiten, mehrmals an Wiebkes Zigarette zu ziehen, was zu einigen Hustenanfällen führte. Huuuu, ich kleiner Rebell. Was andere mit 14 ausprobieren, wollte ich wenigstens nochmal vor meinem 30. Geburtstag testen ;-) Alles in allem waren es schöne und erholsame Tage, und ich kann nur sagen, dass Orust ein Paradies ist. Ich hoffe, meine Fotos beweisen es ein bisschen...