
Mittsommer - oder schwedisch Midsommar - ist wohl das schwedischste aller Feste, und der beliebteste Feiertag. In diesem Jahr war es mir zum ersten Mal vergönnt, diese Tradition zumindest teilweise mitzuerleben. Gefeiert wird an dem Freitag, der dem 21. Juni, also dem längsten Tag des Jahres, am nächsten liegt. Man feiert den Sommer, denn die Schweden haben auf Grund der geographischen Lage einen etwas besonderen Bezug zur warmen bzw. hellen Jahreszeit. Der Tradition nach wird am frühen Nachmittag die Majstång (also Maistange, Maibaum) mit Blumen und Kränzen geschmückt (meistens von Kindern) und dann aufgerichtet. Im Anschluss singt man und tanzt um den Baum, und auf dem Land tragen die Leute meistens ihre Trachten. Nachdem mein ursprünglicher Plan, Midsommar b

ei Annelie im Garten zu feiern, geplatzt ist, weil Annelie doch nicht feiern wollte, bin ich mit Simone und ihrem 3-Mädels-Besuch aus Deutschland nach Skansen gefahren. Skansen ist ein Freilichtmuseum hier in Stockholm, und gerade Feiertage werden da sehr traditionell aufgezogen. Als wir dorthin kamen, stand die Majstång schon, und die Leute tanzten drum herum, während ein paar Musiker fidelten und 3 Frauen dazu die traditionellen Lieder sangen. Was mich an dieser eigentlich sehr schönen Art, den Sommer zu feiern, erstaunte, war, dass es sich bei den Liedern nicht etwa um Volkslieder, sondern im Prinzip um Kinderlieder handelte. Und während man also um die Majstång tanzt und singt, muss man passend zu den Liedern auch immer ulkige Bewegungen machen. Und ich muss schon sagen, dass es äusserst lustig aussieht, wenn ein Haufen Erwachsener (jaja, es waren deutlich weniger Kinder an dem Spektakel beteiligt) wie Frösche hüpft, mit den Händen einen Elefanten-Rüssel nachmacht oder Mückensummen imitiert. Und da wir ja in einer Multi-Kulti-Grossstadt leben, hüpften mitten unter den Schweden in Trachten auch Inder, Schwarze, Asiaten und bekopftuchte Muslime grimassierend um die Majstång. Hier ein Auszug aus einem der Lieder, damit Ihr wisst, was ich meine: "Små grodorna, små grodorna" (die kleinen Frösche, die kleinen Frösche) "är lustiga att se" (sind lustig anzusehen) "Ej öron, ej öron" (keine Ohren, keine Ohren) "ej svansar hava de!" (keine Schwänze haben sie) Ko-ack-ack-a, ko-ack-ack-a,Ko-ack-ack-ack-ack-a.Ko-ack-ack-a, ko-ack-ack-a,Ko-ack-ack-ack-ack-a (soll ein Froschquaken darstellen). So, und nun stellt Euch bitte die Inder vor, wie sie quakend um die Stange hüpfen! Ich sage Euch: ich war tief beeindruckt von all dem, und habe mir vorgenommen, dass ich nächstes Jahr unbedingt irgendwo auf dem Land feiern will, um das ganze so richtig richtig zu erleben! Da ein Teil der Leute Blumenkränze auf dem Kopf hatte (was auch zur Tradition gehört), machten wir uns auf den Weg, um zu gucken, wo man die erwerben kann. Wir landeten aber schliesslich im Tiergehege des Museums, bestaunten Wildschweine beim Kämpfen, sahen einem Vielfrass dabei zu, wie es sehr zweideutige Bewegungen machte, woraufhin alle Leute amüsiert-pikiert zur Seite guckten und kamen schliesslich zu einem Elch, der sehr gelangweilt in der Gegend rumguck

te.
Leider fing es dann ziemlich plötzlich zu schütten an, so dass wir uns einen Augenblick unterstellen mussten. Da wir etwas klamm waren und zu frieren anfingen, beschlossen wir, doch lieber irgendwo was essen zu gehen und verliessen Skansen. Normalerweise hätte es dort noch Volkstanz gegeben, und wahrscheinlich auch das tradtionelle Midsommar-Essen Kartoffeln mit tonnenweise Sill (Hering), Sauerrahm und zum Nachtisch Erdbeeren mit Sahne. Und vermutlich wäre auch hier das Ganze zu einem Saufgelage ausgeufert, denn auch literweise Schnaps und vor allem Trinklieder gehören zum Midsommarfest wie der Sill. Aber wir landeten in einem netten Restaurant und assen sehr lecker, wobei uns auffiel, dass um uns rum nur Ausländer waren, denn alle Schweden waren wohl tatsächlich nicht in der Stadt. Dann hatten wir hinterher die wahnwitzige Idee, noch einen Cocktail (bzw. ein Wässerchen) trinken zu gehen und machten uns auf den Weg in die Stadt. Ich hatte ja meiner Chefin nicht glauben wollen, aber es war wirklich überall wie ausgestorben. Es waren kaum Leute auf der Strasse - und vor allem waren alle Clubs und Bars dicht, die Aussenterassen leer, die Läden dunkel... Wir irrten durch die Strassen und gaben schliesslich auf. Als ich bei mir aus dem Bus stieg und mein Blick auf das von der Hausverwaltung idyllisch angelegte Blumenbeet fiel, dachte ich an den alten Brauch, den man schon von Bullerbü kennt: als Mädchen soll man in der magischen Midsommarnacht schweigend 7 verschiedene Wildblumen an 7 verschiedenen

Weiden sammeln und sie sich schliesslich unters Kopfkissen legen. Dann träumt man von dem Mann, den man mal heiraten wird. Tja, als Stadtbewohner ist das nun nicht ganz so einfach, aber man will ja schon mal wissen, was die Zukunft da so für einen Kerl für einen in Petto hat, und so muss man eben ein bisschen improvisieren. Also machte ich meinen mp3-Player aus (wegen des Schweigens) und fiel erst über das besagte Blumenbeet her (ich weiss nicht, ob Geranien als Wildblumen gelten, aber was soll's), rupfte dann an Heckenrosen und anderen blühenden Büschen herum (ob Blume oder Busch - Hauptsache es blüht, dachte ich mir) und packte die Beute schliesslich zuhause in einen Gefrierbeutel (man will ja nicht fremder Leute Kopfkissen einsauen). Tja, das ganze war nicht so erfolgreich, ich habe von meinem Opa und meinem Vater geträumt und war etwas enttäuscht, als ich heute morgen aufwachte. Und irgendwie musste ich den ganzen Vormittag über niesen - vielleicht sollte man als Allergiker nicht jeder Tradition nachjagen...
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