Montag, Mai 01, 2006

Valborg - der Frühling siegt über den Winter

Am 30. April wird in Schweden Valborg gefeiert, zu Deutsch also Walpurgis. Überall im Land werden dazu Feuer angezündet, die die bösen Wintergeister vertreiben und den Frühling willkommen heissen sollen. Also ein bisschen so wie in Deutschland die Osterfeuer. Da Valborg wirklich eine Tradition hier ist, habe auch ich mich mal ins Getümmel geschmissen, obwohl ich solche Aktionen ja eher nicht so mag. Aber Feuer sind ja immer faszinierend und halten auch warm, also... Ich habe mich mit Annelie (auch Deutsche) verabredet, die ich 2001 kennen gelernt habe, und die noch immer hier ist. Schliesslich waren wir dann 6 deutsche Mädels + ein schwedischer Ehemann und sind auf die grüne Insel Långholmen gefahren, die recht zentral liegt und so eine Art Naherholungsgebiet ist. Dort sind wir gegen 18:30 angekommen und wurden empfangen von einem Chor, der über Verstärker schwedische Frühlingslieder schmetterte. Wir haben uns dann in eine Ecke des Parks windgeschützt an eine Mauer gesetzt und das mitgebrachte Picknick sowie den Einweggrill ausgepackt (ja, man ist hart im Nehmen bei 8 Grad plus) und angefangen, unsere Würstchen zu grillen - so wie alle die schwedischen Cliquen, Sportvereine und Familien um uns rum. Leider waren die Leute von Annelie irgendwie fast alles so Typen, die öfter mal die Wörter "Kirche" und "Gott" fallen liessen, was mich jedesmal erschaudern liess, aber sonst war es sehr nett. Dann sahen wir dem schwedischen Miteinander zu, was sich dadurch auszeichnete, dass eine Horde überaus cooler Jungs im Alter von 16 bis 19 gegen eine ganze Schar Mädchen im Alter zwischen 6 und 13 eine Mischung aus Base- und Brennball spielte, was wirklich toll anzusehen war, weil sie alle einen Heidenspass miteinander hatten. Süss war auch, dass die Mädels den Ball meistens entweder hinter sich oder sonstwo ausserhalb des Spielfeldes schmissen, um Zeit zu gewinnen. Sicher nicht ganz regelkonform, aber spassig und pfiffig. Die grossen Jungs rächten sich dann später allerdings dadurch, dass sie die Bälle kilometerweit warfen. Schliesslich kamen wir Deutschen auf die lustige Idee, Bananen zu grillen (wenn einem kalt ist macht man manchmal komische Sachen) und überlegten, ob wir den Schweden wohl weismachen könnten, dies sei eine alte deutsche Walpurgis-Tradition... Naja, schliesslich wurde es 20 Uhr und es war Zeit, zum Holzhaufen zu gehen, der nun jede Minute angezündet werden sollte. Und dann kamen auch schon die Fackelträger, die durch einen Trompeter angeführt wurden. Während die Fackeln den Scheiterhaufen anfachten, sang der Chor im Hintergrund wieder hübsche Lieder und die Zuschauer standen alle brav in einigen Metern Abstand um das Holz herum. Aber als sich zeigte, dass das Feuer sich nicht so richtig entfalten wollte, gab es schnell ein ziemliches Gewusel, Kinder wurschtelten mit Stöcken in den Flammen rum (haben die Eltern hier kein Verantwortungsgefühl oder war das durch den feiertagsüblichen Biergenuss schon betäubt?), und es tauchte ein Typ auf, der so eine Frisur hatte wie Tingeltangel-Bob von den Simpsons. Wir warteten dann die ganze Zeit darauf, dass er damit eher als das Holz Feuer fangen würde. Leider kommt seine Haarpracht auf dem Foto nicht so rüber, aber ich war jedenfalls ganz fasziniert davon. Schliesslich brannte das Feuer irgendwann doch ganz schön, und ich starrte nicht mehr hypnotisiert auf Mr. Superfrisur, sondern rammdösig in die Flammen. Von vorne wurde es dann aber doch etwas heiss, während man sich hinten sprichwörtlich den Arsch abfror, so dass wir beschlossen, noch in einen Pub weiterzuziehen. Also fädelten wir uns in den allgemeinen Kinderwagenkorso ein (ich habe noch nie so viele Kinderwagen, genervte Eltern und Kinder jeder Altersstufe auf einmal gesehen) und zogen von dannen in Richtung U-Bahn. Die meisten von unseren Leuten verabschiedeten sich, so dass nur noch Annelie, die ebenso nette Britta und ich übrig blieben und uns zum Aufwärmen in einen Irish Pub begaben. Dort holten wir uns die Getränke an der Theke, und ich machte den Anfang mit der Bestellung "En mineralvatten, tack". Ich bestellte also ein Wasser (ja, zur Feier des Tages wollte ich halt mal richtig einen draufmachen). Der Mensch hinter der Theke sah mich ratlos an und fragte "Va?", also "Was?". Jetzt gab es 2 Möglichkeiten. Entweder, mein Schwedisch ist so schlecht, dass ich nicht einmal "Mineralvatten" ordentlich aussprechen kann oder ich bin der erste Mensch in diesem Pub, der ein Wasser bestellt - und der Barkeeper kann es nicht glauben. "Vatten...?" versuche ich nochmal zögerlich, ernte aber wieder nur einen fragenden Blick. Was soll ich noch tun? Mir aus lauter Frust ein Bier bestellen? Aufgeben und auf dem Klo aus dem Wasserhahn trinken? Aber da kommt mir die Kollegin des Typen zur Hilfe und erklärt mir, dass er heute seinen ersten Tag in Schweden hat. Aaah! "One mineralwater, please" und alles ist easy! Warum sagt er denn das nicht gleich? Wahrscheinlich hat er die Vokabeln aller Alkoholika auf Schwedisch drauf - nur das Wort für "Wasser" wurde ihm wohl nicht beigebracht... Wir namen also unsere Getränke, setzten uns, tauten langsam wieder auf und hatten einen netten Abend. Und zum Schluss sahen wir sogar noch einmal Tingeltangel-Bob und seine Frisur am Fenster vorbeitaumeln...