Montag, August 27, 2007

Klare Drinks, klare Worte

August, Krebsmonat. Wer Bullerbü gelesen hat, erinnert sich auch daran. Man trifft sich mit Freunden und/oder Verwandten, sitzt draußen, lässt Selbstgebrannten fließen und haut sich Krebse rein, die man idealerweise selbst gefangen hat. Wieder einmal eine schöne Gelegenheit, ein Fest im Kreise von lieben Leuten zu feiern, vor allem weil wir mit Ulrikslund ja den idealen Platz haben - auf dem Großstadtbalkon macht das Ganze ja nur halb so viel her. So machten sich der übliche Kreis plus Simones Schwester Christina und Lutz (ein Bekannter von Micha aus Deutschland) am Samstag auf, um den Erfolg von Mittsommer zu wiederholen. Zu Beginn fühlten wir uns etwas unterfordert so ganz ohne kreative Aufgaben wie Baum bauen oder Kränze flechten, aber wir gingen es gemütlich an und tranken erstmal Kaffee, und die ersten Biere wurden auch geöffnet. Schnell teilte sich der Trupp auch wieder auf, die Mädels landeten in der Küche, die Jungs fingen mit sinnlosen Spielen an. Aber was soll's, wir Mädels beschäftigten uns derweil mit Carlos, José, Juan, Felipe, Pepe und wie sie alle hießen, denn unsere Krebse waren aus Spanien importiert. Die "Amigos" wurden also hübsch dekorativ auf Teller drapiert, Dill dazu und fertig. Natürlich gehört zu so einem Fest auch eine besondere Deko; wer es kitschig mag - und das tun wir - kann Krebse in allen Formen kaufen. Als Girlande, als Teelichthalter, als Schnapsglasdeko und Streukonfetti - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ganz klassisch gehören auch bunte Lampions dazu, und vor allem eine Mond-Laterne. Denn inzwischen wird es ja auch schon viel früher dunkel. Leider war es etwas windig, so dass uns als erstes die Pappteller (mit Krebsmuster) um die Ohren flogen, die Luftballons in die Äste wehten und platzten und wir feststellen mussten, dass wir unsere Streukonfetti-Krebse leider nicht anwenden können. Immerhin wurden sie als Deko in die Butter gesteckt. Diesmal wurde auch an den Schnaps gedacht, der dann auch schon recht früh zu fließen begann. Wir setzten unsere Hütchen auf, banden die albernen Lätzchen um und fingen an, die Amigos zu vespeisen, wobei ich mich an Simones Köttbullar und Käsebrot hielt, da ich ja kein Fischesser bin. Leider hatten Torbjörn und Elena die schwedischen Schnapslieder zu Hause vergessen, woraufhin wir improvisierten und aus vollem Hals "Oh Tannenbaum" schmetterten... Seit ich von meiner Tallinn-Fahrt berichtet habe hängt mir nach, ich würde O-Saft mit Jägermeister trinken, und so kam es, dass Katrin mir einen Drink mischte. Und tatsächlich, ich kann nicht sagen warum, aber das finde ich lecker. Ich habe tatsächlich das ganze Glas leergetrunken, ohne Wirkung allerdings. Die Wirkung der klaren Schnäpse der anderen ließ sich dahingegen nicht leugnen, und so musste die erste Schnapsleiche bereits um 20:45 ins Haus geführt werden und ward den Rest des Abends nicht mehr gesehen. Weiterer Alkoholkonsum führte zu Gefühlsausbrüchen mit Tränen und zu unmoralischen Angeboten, die wiederum partnerschaftliche Diskussionen zur Folge hatten, bei denen weitere Tränen flossen. Katrin und ich versuchten zwischendurch, uns mit Tanzen bei Laune zu halten, was uns aber auch nicht recht glückte, Lutz endete um 22:30 vollkommen frustiert schlafend auf der Couch, und so stellten wir um 22:45 fest, dass die Party wohl jetzt beendet wäre. Nur Torbjörn war noch guter Dinge und wollte weitermachen ohne zu merken, dass er der einzige war. Insgesamt war der Abend ziemlich abgefahren, klare Drinks hatten klare Worte zur Folge, das hätten Maria und ich zu Anfang sicher nicht gedacht, als wir in Bezug auf meinen Wasserkonsum auf den Spruch "Klare Drinks, klare Worte" kamen. Nach einer Aufräumaktion stiegen dann einige von uns wider Erwarten gegen Mitternacht ins Auto und fuhren nach Stockholm zurück, begleitet von dem großen Mond, der in dieser Nacht vom Himmel guckte. Aber wenn ich so an den Abend zurückdenke, kann ich nur sagen, dass er mir 3 Erkenntnisse gebracht hat. 1) Ich bin froh, dass ich keinen Alkohol trinke, äh, oder jedenfalls nur in Maßen 2) Es ist manchmal doch von Vorteil, Single zu sein und 3) Menschen haben so viele verschiedene Gesichter, jeder von uns hat Probleme, Sorgen, Ängste - selbst die, von denen wir immer denken, es wäre alles perfekt. Ich durfte an diesem Abend ein bißchen in die Seelen meiner Freunde gucken und neue, sehr menschliche Seiten sehen. Vielleicht ist etwas von dem schönen Schein verloren gegangen, dem idealisierten Schwedenbild, der Vorstellung, dass alles immer super ist. Aber ich denke eigentlich, dass man gute und schlechte Dinge in einer echten Freundschaft zusammen erleben muss - und ich kann nur für mich sprechen, aber dieser etwas ernüchternde Abend hat sie mir alle irgendwie nur noch näher gebracht :-) Auf die nächste Party, Leute, und die kommenden Jahre mit all ihren Höhen und Tiefen!

Life is a roller coaster

Noch nie habe ich so geschrien, schon lange habe ich nicht mehr so viel gelacht - und so schlecht war mir auch schon seit Jahren nicht mehr... Ich war mit Simone, Michael und Simones Schwester Christina auf Gröna Lund, dem Stockholmer Tivoli. Ich wollte das schon die ganze Zeit machen, seit ich hier bin, und habe es nur einmal kurz mit einem Kollegen geschafft, um den "freien Fall" zu fahren. Das war aber so schnell vorbei, dass man es kaum gemerkt hatte. Jedenfalls war ich froh, als die drei mich fragten, ob ich mit will. Ich, der alte Rummel-Gänger. Früher der Höhepunkt meines Jahres. Mai in Wolfsburg = eine Woche Rummel am Allersee. Dafür fing ich schon im Februar zu sparen an. Und ließ mich nichtmal davon abhalten, als ich einen Gehgips hatte. Ich habe einfach überall gefragt, ob ich auch mit dem fahren kann. Nun ja, trotzdem, der letzte Wolfsburger Rummel ist schon ein Weilchen her, und die alljährlichen Heidepark-Ausflüge mit dem Schülerferienticket weiß Gott auch, also wurde es mal wieder Zeit. Als erstes setzten wir uns in die Schiffschaukel und fingen schon hysterisch zu kichern an, als wir noch am Boden waren. Dann ging es los. Wir lachten und kreischten - und saßen noch nicht einmal ganz hinten. Die sonst noch anwesenden 13- und 14-Jährigen schüttelten auch nur verständnislos die Köpfe über uns. Als nächstes folgte dann Kettenkarussel. Harmlos, aber das Schönste, was es gibt finde ich. Wie fliegen, und dann abends in der Dämmerung, traumhaft. Nach diesem sanften Anfang folgte dann aber das Hardcore-Gerät: das Katapult. Man wird zig Meter in die Höhe geschossen, und dann geht es im freien Fall wieder nach unten. Das wird ein paarmal in unterschiedlichen Höhenstufen wiederholt, und dann bleibt man ganz oben stehen. Eine irre Aussicht auf die Stadt hat man, ich hätte bis nach Hause sehen können, wenn ich meine Brille aufgehabt hätte. Aber man sitzt natürlich etwas angespannt und wartet auf den Fall, dann macht es klick, es geht nach unten, aber nur zwei Zentimeter, reingelegt, und dann steht man wieder. Hysterisches Lachen und dann schließlich doch... Hach, herrlich. Danach sind wir so ziemlich alles gefahren, was es gab und hatten einen irren Spaß. Zwischendurch versuchten wir, eine der Riesentafeln Schokolade zu gewinnen, setzten insgesamt 15 EUR aber blieben leider erfolglos (man darf jetzt nicht ausrechnen, wie viele Tafeln Schokolade man sich von dem Geld einfach so hätte kaufen können...) Irgendwann wurde uns dann schließlich bewusst, dass wir keine 16 mehr sind, nämlich als wir feststellten, dass wir alle Rücken- und Nackenschmerzen hatten. Zum Abschluss wollten wir dann trotzdem noch Breakdancer fahren. Zu Wolfsburger Zeiten gruppierten sich die ganzen coolen Leute da drumherum und der Ansage-Typ war berühmt-berüchtigt für Sprüche wie "Mädels haltet eure Blusen fest, sonst fliegen euch die Titten raus", aber in Stockholm war es unser Todesurteil. Die Fahrt nahm kein Ende, wir wurden durchgerüttelt und geschüttelt, vor und zurück, hin und her, und als wir endlich anhielten konnten wir nur noch blaß auf die nächste Bank kriechen, wo wir uns erstmal erholen mussten. Uns allen war ganz furchtbar schlecht, und bei der Autofahrt nach Hause war jeder Huckel eine Tortur. Ich war heilfroh, meinen geschundenen Körper in ein weiches Bett legen zu können - und zwar ganz, ohne mich vorher zu übergeben! Aber doch, ich muss sagen, gelohnt hat sich's! Man sollte das viel öfter machen, man lacht und schreit sich einfach den Kopf frei, das tut auch mal gut!

Freitag, August 10, 2007

Reif für die Insel

Ich hatte diese Woche Urlaub und habe das genutzt, um ein paar Tage bei meiner ehemaligen Gebeco-Kollegin Tonja zu verbringen. Sie wohnt mit ihrem Freund Ties auf Koster, einer autofreien Inselgruppe an der Westküste Schwedens, an der Grenze zu Norwegen. Jetzt, Anfang August, war es laut Tonja und Ties schon wieder etwas ruhiger, da nun langsam die Nebensaison anfängt. Die Landschaft auf Koster ist sehr abwechslungsreich, obwohl die Inseln nur so klein sind. Es gibt Felder, Wiesen, Wälder, Heideflächen, Sandstrände und natürlich die für Westschweden so charakteristischen Felsen. Und schon auf der Fährfahrt von Strömstad nach Koster merkte man, dass es sich hier um die richtige See handelt - die Luft war salzig, das Wasser machte ordentlich Wellen und es roch nach Meer. Die Stockholmer sind ja immer so stolz auf ihre Schären, die ja auch schön sind, aber mit echtem Meer hat das Ganze nicht so viel zu tun... Auf Koster gehen die Uhren natürlich anders, was ich gleich am ersten Tag merkte. Ich war mit Ties auf dem Weg von Süd- nach Nordkoster. Als wir zur Fähre kamen, die beide Inseln verbindet, hatte diese gerade abgelegt. Aber der Fährmann sah uns und kam wieder zurück. Ich musste aber am Automaten erst noch ein Ticket ziehen, und rief das voller Panik dem Fährmann zu, Himmel, jetzt war er extra für uns zurückgekommen, und ich trödelte so rum. "Ooooch," sagte er "keine Eile, wir haben doch Zeit, mach ganz in Ruhe". Aha, ich bin wohl doch ganz schön ans hektische Großstadtleben gewöhnt... Tja, viel passiert ist in dem Sinne nicht, ich habe es ruhig angehen lassen. Tonja arbeitet in einem Café, da wurde ich immer bestens verpflegt, ansonsten haben wir das supertolle Wetter genossen und waren am Montag in der Region Dalsland, wo ich es sogar gewagt habe, in einem See zu baden! Ich! Wo ich doch so wasserscheu bin, wenn es weniger als 28 Grad sind (im Wasser, nicht in der Luft). Es war natürlich zu kalt zum Schwimmen (für mich zumindest), aber ich bin sogar einmal vom Dreier in den See gehopst - an das letzte Mal, dass ich das gemacht habe, kann ich mich nicht mal erinnern. Muss noch zu Wolfsburger Zeiten gewesen sein... Ansonsten bin ich sehr beeindruckt von Tonjas und Ties' Lebensweise auf Koster. Die beiden arbeiten hauptsächlich für eine Stiftung, die sich um die Vorarbeiten eines Nationalparks kümmert, der auf/um Koster herum entstehen soll. Zu den Arbeiten gehören Roden, Müll sammeln, Schilder aufstellen etc. Ties hilft nebenbei noch dem örtlichen Bauern beim Heu machen, Tonja arbeitet zusätzlich im Café. Ist schon etwas anderes als ein fester Bürojob. Die beiden sind also viel draußen, zu jeder Jahreszeit wohlgemerkt, und arbeiten vor allem körperlich. In ihrer Freizeit gehen sie dann baden, paddeln, schnorcheln, laufen und radeln - ich bin wirklich beeindruckt von so viel Bewegung. Und sie haben sich wirklich ein wunderschönes Fleckchen Erde ausgesucht - jetzt wünsche ich den beiden nur viel Glück bei der Wohnungssuche; denn das scheint noch schwieriger zu sein, als mitten in Stockholm eine Mietwohnung zu bekommen...