Klare Drinks, klare Worte
August, Krebsmonat. Wer Bullerbü gelesen hat, erinnert sich auch daran. Man trifft sich mit Freunden und/oder Verwandten, sitzt draußen, lässt Selbstgebrannten fließen und h
aut sich Krebse rein, die man idealerweise selbst gefangen hat. Wieder einmal eine schöne Gelegenheit, ein Fest im Kreise von lieben Leuten zu feiern, vor allem weil wir mit Ulrikslund ja den idealen Platz haben - auf dem Großstadtbalkon macht das Ganze ja nur halb so viel her. So machten sich der übliche Kreis plus Simones Schwester Christina und Lutz (ein Bekannter von Micha aus Deutschland) am Samstag auf, um den Erfolg von Mittsommer zu wiederholen. Zu Beginn fühlten wir uns etwas unterfordert so ganz ohne kreative Aufgaben wie Baum bauen oder Kränze flechten, aber wir gingen es gemütlich an und tranken erstmal Kaffee, und die ersten Biere wurden auch geöffnet. Schnell teilte sich der Trupp auch wieder auf, die Mädels landeten in der Küche, die Jungs fingen mit sinnlosen Spielen an. Aber was soll's, wir Mädels beschäftigten uns derweil mit Carlos, José, Juan, Felipe, Pepe und wie sie alle hießen, denn unsere Krebse waren aus Spanien importiert. Die "Amigos" wurden also hübsch dekorativ auf Teller drapiert, Dill dazu und fertig. Natürlich gehört zu so einem Fest auch eine besondere Deko; wer es kitschig mag - und das tun wir - kann Krebse in allen Formen kaufen. Als Girlande, als Teelichthalter, als Schnapsglasdeko und Streukonfetti - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ganz klassisch gehören auch bunte Lampions dazu, und vor allem eine Mond-Laterne. Denn inzwischen wird es ja auch schon viel früher dunkel. Leider war es etwas windig, so dass uns als erstes die Pappteller (mit Krebsmuster) um die Ohr
en flogen, die Luftballons in die Äste wehten und platzten und wir feststellen mussten, dass wir unsere Streukonfetti-Krebse leider nicht anwenden können. Immerhin wurden sie als Deko in die Butter gesteckt. Diesmal wurde auch an den Schnaps gedacht, der dann auch schon recht früh zu fließen begann. Wir setzten unsere Hütchen auf, banden die albernen Lätzchen um und fingen an, die Amigos zu vespeisen, wobei ich mich an Simones Köttbullar und Käsebrot hielt, da ich ja kein Fischesser bin. Leider hatten Torbjörn und Elena die schwedischen Schnapslieder zu Hause vergessen, woraufhin wir improvisierten und aus vollem Hals "Oh Tannenbaum" schmetterten... Seit ich von meiner Tallinn-Fahrt berichtet habe hängt mir nach, ich würde O-Saft mit Jägermeister trinken, und so kam es, dass Katrin mir einen Drink mischte. Und tatsächlich, ich kann nicht sagen warum, aber d
as finde ich lecker. Ich habe tatsächlich das ganze Glas leergetrunken, ohne Wirkung allerdings. Die Wirkung der klaren Schnäpse der anderen ließ sich dahingegen nicht leugnen, und so musste die erste Schnapsleiche bereits um 20:45 ins Haus geführt werden und ward den Rest des Abends nicht mehr gesehen. Weiterer Alkoholkonsum führte zu Gefühlsausbrüchen mit Tränen und zu unmoralischen Angeboten, die wiederum partnerschaftliche Diskussionen zur Folge hatten, bei denen weitere Tränen flossen. Katrin und ich versuchten zwischendurch, uns mit Tanzen bei Laune zu halten, was uns aber auch nicht recht glückte, Lutz endete um 22:30 vollkommen frustiert schlafend auf der Couch, und so stellten wir um 22:45 fest, dass die Party wohl jetzt beendet wäre. Nur Torbjörn war noch guter Dinge und wollte weitermachen ohne zu merken, dass er der einzige war. Insgesamt war der Abend ziemlich abgefahren, klare Drinks hatten klare Worte zur Folge, das hätten Maria und ich zu Anfang sicher nicht gedacht, als wir in Bezug auf meinen Wasserkonsum auf den Spruch "Klare Drinks, klare Worte" kamen. Nach einer Aufräumaktion stiegen dann einige von uns wider Erwarten gegen Mitternacht ins Auto und fuhren nach Stockholm zurück, begleitet von dem großen Mond, der in dieser Nacht vom Himmel guckte. Aber wenn ich so an den Abend zurückdenke, kann ich nur sagen, dass er mir 3 Erkenntnisse gebracht hat. 1) Ich bin froh, dass ich keinen Alkohol trinke, äh, oder jedenfalls nur in Maßen 2) Es ist manchmal doch von Vorteil, Single zu sein und 3) Menschen haben so viele verschiedene Gesichter, jeder von uns hat Probleme, Sorgen, Ängste - selbst die, von denen wir immer denken, es wäre alles perfekt. Ich durfte an diesem Abend ein bißchen in die Seelen meiner Freunde gucken und neue, sehr menschliche Seiten sehen. Vielleicht ist etwas von dem schönen Schein verloren gegangen, dem idealisierten Schwedenbild, der Vorstellung, dass alles immer super ist. Aber ich denke eigentlich, dass man gute und schlechte Dinge in einer echten Freundschaft zusammen erleben muss - und ich kann nur für mich sprechen, aber dieser etwas ernüchternde Abend hat sie mir alle irgendwie nur noch näher gebracht :-) Auf die nächste Party, Leute, und die kommenden Jahre mit all ihren Höhen und Tiefen!

