Nach 3 Wochen im neuen Job habe ich das Gefühl, eine komplette 180-Grad-Wendung durchlebt zu haben. Mein Arbeitsalltag hat sich total geändert. Statt schicker Hotels ein dreckiges und chaotisches Labor, statt Edelrestaurants Ölnebelabscheider, statt Testfahrten im RIB-Boot nun Fahrten mit dem Gabelstapler. Statt Kolleginnen mit Bluse und Blazer nun Kollegen mit wirrem grauem Haar und Wollpullovern. Statt Besichtigungen von exklusiven Festsälen nun ein Rundgang durch eine Metallfabrik, statt Begriffen wie Juniorsuite, Galadinner und Bootcharter umgeben mich nun Muffen, Rohre, Motoren, Rotoren und HEPA-Filter. Und ich LIEBE es. Es ist richtig cool. Wie gesagt, wir stellen Geräte her, die in metallverarbeitenden Werkstätten/Fabriken die Luft von Ölresten reinigen, was gut für die Umwelt und gut für die Gesundheit der Arbeiter ist. Wer im Detail interessiert ist, kann gerne auf der Homepage schauen,
http://www.3nine.com/ (auch auf Deutsch). Meine offizielle Aufgabe ist Verkaufsunterstützung. Wir haben Leute im Aussendienst in Schweden und Deutschland, und arbeiten in anderen Ländern mit Grosshändlern und Agenten zusammen, die unsere Produkte verkaufen. Nicht alle haben Zugang zu unserem Computersystem. Also gehört zu meinen Aufgaben, Bestellungen ins System einzugeben, Reklamationen zu behandeln, Fragen zu beantworten etc. Nebenbei braucht die Firma, die noch sehr jung ist, jemanden, der ein bisschen Ordnung in die Routinen bringt, manche Dinge mal aufschreibt und ähnliches. Meine Stelle wurde auch schon direkt auf 100% angehoben, weil unsere Buchhaltungsassistentin geht und ich auch ein paar Aufgaben von ihr übernehme. Es ist also sehr abwechslungsreich und macht Spass. Das Telefon klingelt am ganzen Tag so oft wie in meinem alten Job in einer Viertelstunde. Und das meine ich ernst, das ist keine meiner Übertreibungen! Ab und zu kommen dann auch mal ganz ungewöhnliche Aufgaben auf mich zu. Mit meinem Kollegen John musste ich heute Teile für unseren Messe-Stand verpacken und verschicken, und im Anschluss haben wir die Paletten mit dem Gabelstapler durch die Gegend gefahren. Ein Heidenspass. Ich war zwar nur Beifahrer, aber da ich wegen eines Irrtums bei der Umschreibung meines deutschen auf den schwedischen Führerschein neuerdings über einen LKW-Führerschein verfüge, sollte ich einen Gabelstapler ja locker unter Kontrolle halten können. Jedenfalls fühle ich mich sehr wohl, das Arbeiten ist ruhig, meine beiden Chefs sind unglaublich lustig und im postiven Sinne verrückt, meine fast ausschliesslich männlichen Kollegen sehr nett, und vom Bett in zwei Minuten zur Arbeit zu kommen ist auch nicht zu verachten (ich überlege jeden Morgen, ob es sich überhaupt lohnt, den Schlafanzug auszuziehen). Witzig sind auch unsere vier Forscher, die mit im Büro sitzen und sich um die technische Weiter- und Neuentwicklung kümmern. Ganz ruhige Typen, von denen man nie was hört, aber wenn, dann trockene Sprüche. Besonders mag ich Nils-Gunnar. Die grauen Haare stehen wirr vom Kopf ab, er kritzelt den ganzen Tag Formeln auf Karopapier, und in seiner Freizeit baut er Flugzeuge. Keine Modelle, sondern echte!!! Und das wäre leichter, als Boote zu bauen, behauptet er. Naja, für mich klingt beides ziemlich abgefahren... In meiner ersten Woche waren wir gleich auf Konferenz in Südschweden, was super für mich war, da ich alle und alles kennen gelernt habe und begriffen habe, wie die Firma tickt. Wir haben auch die Fabrik angesehen, die unsere Maschinen herstellt (das machen wir nämlich nicht selber, wir sind nur insgesamt 11 Leute im Büro). Als ich die Fabrikhalle betrat, habe ich mich sofort an meine Zeit bei VW erinnert gefühlt, wo ich mal 6 Wochen gearbeitet habe - wie jeder gute Wolfsburger eben. Damals habe ich mich in meinem Arbeitsanzug und den Sicherheitsschuhen mit Stahlkappen auch richtig gut gefühlt, in mir steckt irgendwie doch ein kleiner Handwerker, der abends am liebsten dreckig von der Arbeit nach Hause kommen würde. Naja, nun komme ich ja zurück zu meinen Wurzeln - denn unsere Kunden sind zum grössten Teil Zulieferer der Automobilindustrie, und da schliesst sich für mich der Kreis :-)