
Da in Schweden im Sommer alles still steht hatte auch der von Stephie und mir ins Leben gerufene Kultursonntag die letzten 3 Monate Pause, aber nun waren wir zurück und starteten voller Tatendrang und Wissensdurst in die Herbstsaison.
Für unser September-Event übernahm diesmal Anina die Schirmherrschaft und schlug einen Ausflug nach Mariefred vor, ein beschauliches Örtchen ca. 70 km westlich von Stockholm am Ufer des Mälarsees. Eigentlicher Anlass des Besuches war eine Picasso-Ausstellung mit einigen seiner Grafiken im ortsansässigen Grafikens Hus (= "Haus der Grafik"), aber natürlich ist Mariefred vor allem bekannt geworden durch sein Schloß Gripsholm, dem Kurt Tucholsky in seinem gleichnamigen Werk 1931 ein Denkmal setzte.
So begab es sich also, dass sich 5 Damen am Sonntagmorgen um 10:30 müde und

missmutig am Stockholmer Hauptbahnhof trafen. Die Nacht war für Anina, Stephie, Wiebke, ihre Freundin Wiebke und mich kurz gewesen, aber man muss für die Kultur eben auch mal Opfer bringen. So schleppten wir uns als erstes zum Fahrkartenschalter und gerieten an eine Dame, die den Eindruck erweckte, dass wir besser drangewesen wären, noch eine halbe Stunde früher zu kommen. Die Dame starrte mehrere Minuten in ihren Bildschirm und kam schließlich mit einem Fahrpreis, der deutlich über dem lag, was Anina online herausgesucht hatte. In Anbetracht unserer Schwedenerfahrung, der Uhrzeit und unseres Gemütszustands sparten wir uns das typisch deutsche Herummotzen, zuckten mit den Schulter und bezahlten unsere Karten. Als nächstes schlurften wir zum Coffee Shop, um uns für die Zugfahrt mit Koffein zu versorgen. Auch hier alles frei nach dem Motto KEIN STRESS. Mit stoischer Ruhe wurde jeder Kaffee abgefüllt, während die Zeiger der großen Bahnhofsuhr sich unbarmherzig auf unsere Abfahrtszeit zubewegten. Wie gesagt, in Schweden nicht motzen, nicht drängeln, nicht nervös werden. 4 Minuten vor Abfahrt hat

ten wir alle einen Kaffee in der Hand und begaben uns zum Zug. Langsam kam Leben in uns, und die 3 Leute, die in dem 8er-Abteil saßen, was wir plappernd und kichernd betraten, waren sicher nicht besonders angetan von unserem Erscheinen. Als der Zug sich in Gang setzte stießen wir als erstes lautstark mit unseren Pappbechern an und prosteten uns zu während der Typ mir gegenüber seiner Freundin einen gequälten "immer diese deutschen Touristen"-Blick zuwarf.
Nach knapp 40 Minuten Zugfahrt mussten wir in Läggesta aus- und in den Bus nach Mariefred umsteigen. Natürlich waren außer uns noch 3 andere Deutsche unterwegs. Die ursprüngliche Müdigkeit der 5 Damen war inzwischen umgeschlagen in aufgekratzte gute Laune. Wir lachten und kicherten unaufhörlich, und natürlich sagte Stephie was extrem Lustiges, als ich gerade einen Schluck aus meiner Wasserflasche nahm, was dazu führte, dass ich das Wasser prustend quer durch den Bus und über Wiebke spuckte.
In Mariefred fielen wir dann als erstes in die Picasso-Ausstellung ein, die kleiner

ausfiel als wir erwartet hatten. Wir sahen uns die Grafiken an und einen Film aus dem Jahre 1950 über Picasso und sein Schaffen. Ich bin eigentlich ein Kunstbanause und vor allem nicht gut darin, Kunst zu beschreiben, deswegen lasse ich's an dieser Stelle auch einfach sein. Aber war mal nett, dagewesen zu sein. Und wenn man davon absieht, dass ich das herrschende Fotoverbot total ignoriert habe, möchte ich auch gerne erwähnen, dass wir während unseres Besuches gar nicht negativ aufgefallen sind, sondern einen sehr seriösen und interessierten Eindruck gemacht haben.
Im Anschluss machten wir uns auf in den Ort und stoppten kurz an dem pitoresken Bahnhof. Da wir aber zur Angriffsfläche von einem Mückenschwarm wurden zogen wir schnell weiter und kamen schließlich in Downtown Mariefred an. Wie bei den meisten schwedischen Städten handelt es sich dabei um ein Kaff, wo man sich samstags am Abend vermutlich in seinem ballonseidenen Trainingsanzug mit seinen Kumpels auf ein Bier an der Tankstelle trifft. Wobei man sich das Bier aber dann schon vorher im staatlichen Alkoholladen geholt haben muss. Vor 15 Uhr. Pluspunkt für Mariefred ist allerdings, dass es wirklich hübsch ist mit vielen gut gepflegten Holzhäusern, und am zentralen Platz liegt zudem ein sehr nettes Café/Restaurant. Hier kehrten wir ein, versorgten uns mit einem äußerst köstlichen Lunch und nahmen draußen am Tisch auf einer Wiese Platz. Die Mücken allerdings auch. Die waren für uns an dem Tag ähnlich plagsam wie wir kichernden deutschen Damen für die Schweden. Gestärkt un

d zerstochen machten wir uns schließlich auf den Weg zum Friedhof. Denn Tucholsky hat nicht nur über Mariefred geschrieben, sondern liegt auch hier begraben. Gleichzeitig mit uns kamen auf dem Friedhof auch die anderen 3 Deutschen aus dem Bus an. Ein fast menschenleeres Mariefred, ein einsamer Friedhof, ein toter Deutscher, ein Zeitfenster von 5 Minuten - warum muss man da ausgerechnet anderen begegnen...???
Am Ufer des idyllischen Mälarsees entlang spazierten wir nun in Richtung Gripsholm. Das Schloss von 1537 gleicht eigentlich eher einer Burg, ist aus rotem Ziegelstein erbaut und heute ein Museum, das mit über 2000 Werken die Portraitsammlung des Staates Schweden beherbergt. Zeit, das Schloss von innen zu besichtigen blieb uns nicht, aber wir guckten uns im Innenhof um und machten einen Haufen bekloppte Fotos, denn unsere Laune erreichte sozusagen ihren Höhepunkt.
Dann war es auch schon Zeit, den Rückweg anzutreten. Der Bus wäre beinahe an uns vorbeigebraust, aber Wiebke schaffte es durch ihren waghalsigen Einsatz, den

Fahrer zum Anhalten zu bewegen. Am Bahnhof versuchten wir vergebens, durch eine Automatiktür auf den Bahnsteig zu kommen, aber egal, wie lange wir vor der Tür rumhüpften und vor- und zurückgingen - sie öffnete sich einfach nicht. Bis eine von uns entdeckte, dass man zum Öffnen auf einen Knopf neben der Tür drücken musste...
Im Zug ergatterten wir ein Abteil für uns alleine, aber diesmal wären wir auch für unsere Mitreisenden keine Qual gewesen. Schwedische Mücken, spanische Maler, deutsche Schriftsteller und frische Luft - diese Mischung haut auch die fidelsten 5 Damen irgendwann um. In Stockholm verabschiedeten wir uns deshalb in einem ähnlich halbdämmerigem Zustand wie schon am Morgen. Und freuen uns jetzt schon auf den nächsten Kultursonntag im Oktober - dann hoffentlich auch wieder in größerer Runde!