Donnerstag, April 05, 2007

Das erste Jahr - ein Fazit

Jetzt bin ich bereits seit einem Jahr in Stockholm, und so ein "Jubiläum" ist natürlich auch immer dazu gut, die vergangenen Erlebnisse Revue passieren zu lassen und zu überprüfen, wie es einem jetzt so geht, mit den Lebensumständen. Ich werde ja auch immer wieder gefragt von euch, wie ich mich fühle, ob ich glücklich bin. Tja, zu allererst ist es natürlich unglaublich, wie schnell ein Jahr vorbei ist. Jetzt ist schon wieder Ostern; ich kann mich noch so gut an mein Ostern 2006 erinnern, als ich gerade seit 2 Wochen hier war, noch total im Rausch... Mein 30. Geburtstag ist auch schon ein halbes Jahr her, Weihnachten über 3 Monate... Ich kann nicht fassen, dass ich seit einem Jahr hier bin. Aber es ist ja auch wahnsinnig viel passiert. Die ganzen Eindrücke. Und als ich herkam war ja alles so ungewiss. Alles war neu. Neuer Job, neue Sprache, neue Stadt, neues Land, neue Leute, neue Wohnung. Alles war neu. Und jetzt? Tja, jetzt ist eigentlich nichts mehr neu, man gewöhnt sich ja auch so schnell an alles. Ich fühle mich wohl in meiner Wohnung, ich kenne hier tolle Leute, und ich liebe die Stadt. Trotzdem bin ich eben ein Mensch, der sich gerne auf das konzentriert, was er nicht hat. Das heisst, dass ich mir manchmal schon mein altes Leben zurückwünsche. Die Uhr 3 Jahre zurückdrehen und wieder in Kiel leben, meinen Job bei Gebeco haben, mit euch abends was trinken gehen, im Sommer am Strand sitzen, oder von Wolfsburg und Braunschweig nur eine 3-stündige Autofahrt entfernt sein. Aber dann wieder fahre ich durch Stockholm und denke nur WOW, weil es hier so wunderschön ist. Und dann bin ich so stolz, weil ich hier lebe, und das so einfach und unproblematisch ist. Jetzt am Wochenende war Caroline hier und hat mir mit ihrer Begeisterung nochmal wieder die Augen geöffnet und mir klar gemacht, dass ich ganz toll hier lebe und das ja wohl gefälligst mal realisieren soll. Und ja, stimmt, sie hat recht. Ich wohne zentral, und doch sehr ruhig, ich wohne 30 Sekunden vom Wasser entfernt, und vom "J", dem wahrscheinlich genialsten Restaurant der Welt. Vorm "J" kann man in superbequemen Stühlen sitzen, sein Gesicht in die Sonne halten und Kaffee trinken (das haben Caro und ich letzten Samstag mehrere Stunden lang gemacht). Also, ja, auch wenn ich euch sehr vermisse, bin ich trotzdem froh, hier zu sein. Denn Schweden ist toll, Stockholm ist fantastisch, und ich fühle mich zuhause hier. Es hat ja auch bisher alles so problemlos geklappt, und es ist so einfach, hier zu sein. Ich hatte ja auch Glück und sofort Simone gehabt, ohne die hier alles nur halb so schön wäre (Hej Simone, tack att du finns), und auch sonst kenne ich hier sehr nette Menschen, die es einem dann natürlich auch leicht machen, sich wohl zu fühlen. Bis auf Andreas sind es zwar alles Deutsche; man rottet sich komischerweise zusammen im Ausland... Aber ich denke, es dauert vielleicht seine Zeit, Kontakte zu Schweden zu knüpfen; abgesehen davon bin ich ja nun nicht gerade der aktivste Mensch mit tausend Hobbys, bei denen man Leute trifft. Aber ich bin auch so zufrieden. Und die Sprache? Seit ich die Abteilung gewechselt habe, spreche ich bei der Arbeit kaum noch Deutsch. Das ist sehr gut für mein Schwedisch, und es klappt richtig gut. Nur mein Englisch ist grottenschlecht geworden seit ich hier bin; 3 Sprachen sind scheinbar einfach zu viel für mein Hirn. Alle Schweden erzählen mir, wie toll ich spreche - aber das kennt man ja auch von sich aus, wenn ein Ausländer ein paar Brocken Deutsch spricht, erzählt man ihm doch auch, wie klasse er ist... Aber klar, es geht. Ich kann im Prinzip alles sagen auf Schwedisch, auch wenn ich mich natürlich nie so präzise und vielfältig ausdrücken kann, wie auf Deutsch. Die Leute hören immer noch sofort, dass ich aus Deutschland bin, aber meine eine Kollegin versichert mir, dass sich mein Akzent total niedlich anhört (das kann ich zwar nicht ganz glauben, aber ich freue mich trotzdem...) Ich habe früher immer gedacht, dass einem auch ein bißchen Persönlichkeit verloren geht, wenn man Sprache nicht so anwenden kann, wie man das möchte. Aber viel geht auch über Körpersprache, Gestik und Mimik. Klar, lustige Sprüche und Wortspielereien klappen nicht, aber der Rest funktioniert. Ich hatte auch noch nie das Gefühl, als Ausländer behandelt zu werden; alle sind immer nett zu mir, und fragen oft, warum ich hier bin. Und natürlich kann kein Schwede verstehen, wie man so verrückt nach seinem Land sein kann :-) Aber das bin ich, nach wie vor. Ohne rosa Brille, aber die hatte ich seit meinem Praktikum eh nicht mehr. Manche Dinge sind hier besser als in Deutschland, manche schlechter, und manches ist einfach anders. Manches nervt mich, manches liebe ich. Im Großen und Ganzen fühle ich mich nicht anders als vorher. Ich bin nicht glücklicher, ich bin nicht unglücklicher. Ich bin einfach ich und suche nach meinem Platz in der Welt. Aber den suche ich definitiv in Schweden, denn klar ist, dass ich bleiben möchte. Das war mein Gedanke, als ich herkam, und das ist auch so geblieben. Na klar, man weiß nie, was kommt oder wen man so trifft, aber ich plane zu bleiben. Eine Sache ist mir allerdings klar geworden. Ich bin und bleibe Deutsche. Ich habe mir früher immer vorgestellt, dass ich eines Tages einmal Schwedin sein werde. Aber jetzt denke ich, dass ich eben deutsch bin, das ändert sich auch nicht, wenn man die Staatsbürgerschaft ändert. (Wenn Deutschland allerdings irgendwann wieder die doppelte Staatsbürgerschaft zulassen würde, bräuchte ich nicht lange überlegen...) Tja, ich glaube, der Nachteil mit der Liebe zu einem anderen Land ist, dass man vermutlich sein Leben lang an Sehnsucht leiden wird. In Deutschland habe ich mich nach Schweden gesehnt, jetzt sehne ich mich nach Deutschland. Ich habe eben ein geteiltes Herz, und manchmal wünsche ich mir, loszulassen würde mir leichter fallen... Aber so sitze ich halt hier, lese meine Tagebücher oder blättere durch meine Fotoalben und denke an euch und die Dinge, die wir im Laufe der Jahre erlebt haben. Und auch wenn wir uns längst nicht mehr so häufig sehen wie früher oder auch seltener Kontakt haben, seid ihr ein Teil von mir. Also, mein Fazit: ich bin froh, in Schweden zu sein, aber ich vermisse euch. Oder um es mit den Worten von Roy Black zu sagen: "Du kannst nicht alles haben, das Glück, den Sonnenschein - beim schönsten Regenbogen muss auch Regen sein. Auf jeder grünen Wiese siehst Du a Dist'l steh'n, und Rosen ohne Dornen hast Du nie geseh'n"

1 Comments:

Blogger Unknown said...

Jetzt muss ich doch mal hallo sagen! Wir, meine Frau und ich, sind seit Januar in Stockholm, wohnen auf Södermalm. Und arbeiten tu ich bei WM-data, du weisst schon, dem grossen Buerohaus vor dem 'J'. Also wirklich sehr in Nähe Deiner Wohnung. Ich lese gern in Deinem Blog und blogge selbst meine Schwedenabenteuer unter http://burkhardsblog.wordpress.com/. Schönen Sommer, und melde Dich Doch mal dort!

Freitag, 13 Juli, 2007  

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