Dienstag, Januar 16, 2007

Krank

Ich habe eine Entzündung des Gehörganges und bin zu Hause. Zum Glück geht es mir einigermassen gut, ausser, dass mein rechtes Ohr zwischendurch mal piekt und wehtut, und ich davon Kopfschmerzen habe. Aber ansonsten bin ich wenigstens so fit, dass ich einiges machen kann (z.B. alle Inga Lindström- und Rosamunde Pilcher-Filme gucken, King of Queens und die Simpsons; eben alles wichtige, was ich mir über meinen Internetvideorekorder so aus dem deutschen Fernsehen aufnehme...). Da das Wetter heute super war, habe ich auch einen kleinen Spaziergang am Wasser lang gemacht. Ich dachte, frische Luft vertreibt vielleicht meine Kopfschmerzen, und ich wohne ja direkt am Meer, sozusagen. Da ich mein Ohr schützen musste, habe ich auch brav meine neue Mütze aufgesetzt, die ich seit Kurzem besitze. Beweis anbei. Eigentlich wollte ich keine Mütze kaufen, weil ich damit so bescheuert aussehe, aber ich dachte, dass eine Mütze im schwedischen Winter nicht schaden kann. Tja, aber wie bei Euch: von Winter ist hier nix zu spüren... Ich habe sogar heute ohne zu frieren einfach eine Viertelstunde am Wasser gesessen; es ist eben nicht kalt. Dabei wollte ich doch mal Langlauf auf der zugefrorenen Ostsee ausprobieren - ich werde aber das Gefühl nicht los, dass das dieses Jahr irgendwie nichts mehr wird... Der Tag heute kostet mich übrigens richtig Geld, denn wenn man krank ist, bekommt man in Schweden den ersten Krankheitstag gar nicht bezahlt, den zweiten nur zu 80%, aber ab dem dritten bekommt man wieder vollen Lohn. Das verhindert natürlich das Blaumachen, aber führt auch dazu, dass sich Leute mit 39 Grad Fieber zur Arbeit schleppen und an dem Tag bestimmt richtig gute Leistung abliefern... Überhaupt das Gesundheitssystem. Gehört Ihr zu denen, die über 10 EUR Praxisgebühr meckern? Sich aufregen, dass man soviel zuzahlen muss? Ich sage Euch: seid dankbar für das deutsche Gesundheitssystem, denn es ist gut! Ich vermute allerdings, dass Schweden einfach nur Reformen hinter sich hat, die Deutschland noch vor sich hat. Also, in Schweden gibt es erstmal nur eine Krankenkasse. Das ist ganz angenehm, weil man sich spart, darüber nachzudenken, ob man nun die mit den besten Leistungen zum günstigsten Preis gewählt hat. Wenn man hier zum Arzt möchte, sieht das Ganze dann folgendermassen aus: es gibt "Gesundheitszentralen", die für einen bestimmten Wohnbereich zuständig sind. Die sind staatlich, wie fast das gesamte System; die dort arbeitenden Ärzte sind also auch beim Staat angestellt. Wenn man also was hat, ruft man bei dieser Gesundheitszentrale an und macht dort einen Termin. Scheinbar habe ich Glück mit meinem Wohnbezirk Nacka, denn ich musste bisher 2x da hin und habe jedes mal sofort einen Termin bekommen. Normal ist das nicht. Meine eine Kollegin hat Herzprobleme und erzählte mir zum Beispiel, dass sie, wenn sie doll erkältet ist, untersuchen lassen muss, ob sie Bakterien im Herzen hat. Als es sie einmal schlimm erwischt hatte, rief sie also in ihrer Zentrale an und wollte einen Termin. Ja, in 3 Monaten könne sie kommen, wurde ihr erzählt. "In 3 Monaten? Da bin ich dann eventuell schon tot, falls ich Bakterien im Herzen habe..." Ja, früher ginge es eben nicht. Gut, sie ging auf Risiko und lebt noch. Und man braucht es auch nicht bei einer anderen Zentrale versuchen, denn es geht strikt nach Stadtteil, in dem man gemeldet ist. So, wenn man also das Glück hat, einen Termin zu bekommen, geht man also zur Zentrale. Und auch hier ist eine Abgabe fällig, und zwar 14 EUR. Und zwar nicht pro Quartal, sondern pro Besuch! Wenn man allerdings wegen derselben Sache eine zweites Mal zum Arzt muss, braucht man nur 7 EUR bezahlen. Wenn man zu einem Spezialisten überwiesen wird, zahlt man dort nochmal 12 EUR; wenn man dort ohne Überweisung hingeht 26 EUR. So exklusive Dinge wie Röntgen kosten auch Geld, 10 EUR "Selbstbeteiligung", und wenn man so krank ist, dass der Arzt einen Hausbesuch machen muss, zahlt man für den Service 6 EUR extra - was ja aber fast als billig zu bezeichnen ist für den Aufwand. Als ich gestern beim Arzt war, fragte ich, wie das hier eigentlich so sei mit einer Art "Gesundheitscheck". In Deutschland war ich ca. einmal im Jahr beim Arzt und habe mein Blut checken lassen, ob alles ok ist. Hm, ich habe das Gefühl, in Schweden ist Vorsorge an sich nicht so üblich. Die Ärztin gucke mich etwas irritiert an, sagte, dass sie glaube, dass das eventuell wohl möglich sei, aber sie wisse das nicht so genau, und ich solle nochmal an der Anmeldung die Krankenschwester fragen. Gut, das tat ich und nach eventuellen Kosten fragte ich vorsichtshalber auch. "Naja, "sagte die Krankenschwester "mit 700 Kronen (ca. 70 EUR) musst Du rechnen, aber ich weiss nicht, ob wir für sowas hier Zeit haben." Aha. Hier behandelt man scheinbar nur akut Kranke "Vielleicht gehst Du dazu lieber zu einem privaten Arzt." Die gibt es in Schweden nämlich auch. Nur viel seltener als in Deutschland. Ich habe auch noch nicht rausgefunden, ob die an die Gebühren gebunden sind, die man in der Zentrale zahlt, oder ob die eigene Gebühren und Behandlungskosten festlegen dürfen. Zahnarzt ist hier auch so eine Sache. Die "Eigenbeteiligung" ist hier noch höher als für andere Ärzte. Auch hier gibt es staatliche Zentralen und auch private Ärzte. Die Kosten sind frei festlegbar durch die jeweilige Kommune bzw. durch jeden Arzt selber. Die normale Untersuchung kostet ca. 50 EUR, falls man Plomben braucht, kommen diese Kosten extra dazu, aber das haben wir in Deutschland ja auch. Prophylaxe kostet ca. 45 EUR. Interessant ist hier übrigens auch der gynäkologische Bereich. Ich war kaum in Schweden angemeldet, da flatterte ein Brief ins Haus. Willkommen in Schweden, und ich wäre eingeladen vom Staat zur Zellentnahme am Gebärmutterhals, sprich: Krebsvorsorge. Aha, wie freundlich. Na, wenn man schonmal was umsonst bekommt... Ich also hin zur "Müttergesundheitszentrale". Dann kam ich rein zu einer Hebamme, denn meistens wird man hier von Hebammen betreut und nicht von Gynäkologen. Die liebe Dame war nicht sehr freundlich und hatte es offenbar eilig. In Deutschland war das immer alles so ruhig und nett bei meinem Frauenarzt. Er hat sich immer Zeit genommen für ein Plauderstündchen und mich beim Ausziehen alleine im Raum gelassen. Wohingegen besagte Hebamme ungeduldig neben mir stand und zuguckte, wie ich mich auszog. Dann rauf auf den Stuhl, und dann... Aua! Also, ich habe wirklich in den ganzen Jahren noch nie so etwas Brutales und Unsensibles erlebt! Sogar Stunden später hatte ich noch ein leichtes Ziehen im Unterleib... Zack, zack, dann wieder runter. Dann wollte ich noch allgemein ein paar Fragen stellen, wie das mit der Pille ist, und wie oft man denn zu dieser Untersuchung kommt. Also dafür hätten sie keine Zeit, heute sei nur Zellentnahme. Ich müsste nochmal zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen, wenn ich weitere Fragen hätte. Aber normal wäre die Untersuchung alle 3 Jahre. 3 Jahre??? In Deutschland ginge man einmal im Jahr zur Untersuchung, wenn man die Pille nimmt sogar einmal im halben Jahr. Die Dame guckte mich herablassend von oben bis unten an und sagte, dass das ja wohl völlig übertrieben sei... Und damit war ich entlassen. Wie sympathisch... Gut, also holte ich mir einen Termin und kam nach ein paar Wochen wieder, diesmal zu einer anderen Hebamme, die sehr nett war. Auch sie fragte ich nach den Untersuchungen und bekam wieder die Antwort mit den 3 Jahren. Ich erzählte auch ihr von Deutschland. "Aber Krebs entwickelt sich nicht so schnell, alle 3 Jahre reicht vollkommen." sagte sie. Dann sagte ich, dass es ja nicht nur um Krebs ginge, sondern auch einfach darum zu gucken, ob alles in Ordnung sei, ob man eventuell Bakterien hat... "Aaaah," sagte sie und lächelte "dafür kann ich Dir gerne die Adresse einer Klinik für Geschlechtskrankheiten aufschreiben, da kannst Du dann auch einfach ohne Termin hingehen!"...