Ausflug in die Vergangenheit
Wir schreiben das Jahr 1992. Ich bin 15 Jahre alt, mitten in der furchtbarsten aller Zeiten - der Jugend. Auf der Suche nach mir selbst, unzufrieden, zu ruhig, zu schüchtern, zu uninteressant, zu unbeliebt, völlig uncool. Mein einziger Halt: Nadine, meine beste Freundin. Wir kämpfen uns zusammen durch unser hartes Schicksal (die Jugend eben) und kommen schließlich auf die Idee, im Sommer zusammen in den Urlaub zu fahren. Vor meinem inneren Auge sehe ich spanische Strände, spanische Partys, spanische Jungs, Sonne. Da sagt Nadine: ”Meine Schwester war letztes Jahr mit einer Gruppe von der Kirche aus in Schweden. Die fahren dieses Jahr wieder, da könnten wir auch mit.” Vor meinem inneren Auge macht die sommerlich-spanische Szenerie Platz für Bilder von dunklen Wäldern, Regentagen, Langeweile, Kälte und Gottesdiensten... Das ist doch jetzt nicht Nadines Ernst? KIRCHE? Und das mir, der einzigen Jugendlichen, die sich aus Überzeugung nicht zum Konfirmandenunterricht angemeldet hat? Mir waren Kirche, Gott und Glaube schon mit 14 ein Graus. Und überhaupt - Schweden? Wo liegt das denn genau? Da ist es doch auch sowieso nur kalt und dunkel? Und was soll ich mit einer Gruppe von spießigen Leuten wegfahren von denen ich eh nicht weiß, was ich mit denen reden soll? Niemals, Nadine, vergiss es. Aber wie es so ist im Leben – wenn man 15 ist, haben die Eltern noch mitzureden, und die finden ”Schweden mit der Kirche” komischerweise auch viel besser als ”Spanien alleine”. Ich werde also widerwillig gezwungen, für zwei Wochen nach Schweden zu fahren. Der Ort heißt Kloten, liegt mitten im Land ca. 250 km westlich von Stockholm in einem Gebiet voller Seen und Wälder. Untergebracht sind wir in einem gelben Herrenhau
s im Jugendherberge-Standard. Und so nimmt mein Schicksal seinen Lauf, denn diese und die Wiederholungsreise im Sommer 1993 haben mein Leben nachhaltig verändert und geprägt. 1992 ist auf dieser Reise im Prinzip niemand mit, den ich von vorher kenne. Das führt dazu, dass die Leute mir vollkommen unvoreingenommen begegnen. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass ich auf einmal mit coolen Jungs reden kann, dass Leute freiwillig Zeit mir mir verbringen wollen und mich gar nicht langweilig finden, sondern lustig, offen und interessant. Auf Grund dieser neu gewonnenen Identität und den darin liegenden Möglichkeiten, schnappe ich jedoch über und schlage vollkommen über die Stränge. Also, im Klartext bedeutet das, dass ich mal mit dem einen und dann mit dem anderen Jungen Händchen halte (und das meine ich vollkommen wörtlich – ich war wirklich ein Spätzünder, irgendwen zu küssen wäre mir nicht im Traum eingefallen). Leider lasse ich vor allem Nadine total links liegen angesichts der tollen neuen und spannenden Leute um mich rum (wir rappeln uns dann aber wieder zusammen). Im nächsten Jahr geht es nochmal nach Kloten, viele vom letzten Jahr sind dabei, und ich habe auch noch meine Freunde Patty und Sascha im Schlepptau. Ich drehe nicht mehr ganz so extrem durch, aber vielleicht gehört es zu dieser Zeit auch einfach dazu, dass man die Gefühle anderer verletzt und selbst verletzt wird. Gebrochene Herzen überall... In beiden Jahren verbringen wir die Tage damit, Botschaften zwischen Jungs und Mädchen zu übermi
tteln, uns anzuhimmeln, Kanu zu fahren, Wanderungen zu machen, im See zu baden, in der Sonne zu liegen (die natürlich IMMER scheint; nur einmal regnet es, und das nutze ich zu einem romantischen Spaziergang mit einem sehr tollen Jungen), Lagerfeuer zu machen, Fuß- und Volleyball zu spielen, jeden Abend melancholische Kirchenlieder zu singen, an schwedischen Gottesdiensten teil zu nehmen, Ausflüge in die Umgebung zu machen - und dabei bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Schweden wird für mich heilig und der Inbegriff für Glück. Natürlich bin ich auch von der Landschaft begeistert, der Stille, der Natur, den roten Holzhäusern und Stockholm. Und als ich wieder in mein Wolfsburger Alltagsleben zurück muss, schwöre ich mir, dass ich dieses Land auf immer und ewig lieben werde, und ich verspreche mir selbst: ”Eines Tages werde ich dort leben.” Uns so ist es ja auch gekommen...
Seit ich in Schweden bin habe ich mir auch immer wieder vorgenommen, nach Kloten zu fahren, und diese Woche habe ich es endlich geschafft, und es war toll. Im Prinzip sieht es dort aus wie vor 17 Jahren, und es war echt fantastisch, nochmal wieder die Plätze abzulaufen, die mir damals so am Herzen gelegen haben. Leider bin ich nicht ins Haus gekommen, aber von innen sieht es inzwischen eh anders aus (ich konnte durch die Fenster sehen). Dann wollte ich noch zu einer Hütte in der Nähe, in der ich 1992 einmal mit drei Mädels übernachtet hatte; 1993 war ich auch dort, und 1994 nochmal mit Carsten meinem ersten Freund auf unserer Rundreise durch Schweden. Als ich eine Hütte fand, war ich mir nicht ganz sicher, dass es die richtige war, aber als ich die Tür öffnete, fiel mein Blick direkt auf meinen Namen, der mit Kohle an die Holzdecke geschrieben war. Ich war vollkommen fassungslos, dass es nach 17 Jahren so aussah, als hätte ich die Worte gerade gestern geschrieben. Ich fand noch mehr Nachrichten von mir. ”I love Sweden”, meine komplette Adresse (was hat mich mit 15 bloß dazu bewegt, meine komplette Adresse in einer Hütte in der schwedischen Wildnis zu hinterl
assen???), den melancholischen Satz ”Ich verlasse dieses Land in ewiger Liebe” (hahahaha, aber naja, wer hätte damals gedacht, dass diese Liebe wirklich hält!), mit Edding geschriebene Grüße an eine ganze Menge Leute, und von 1994 die blinde Überzeugung, dass die erste Liebe ewig hält: ”Yvonne + Carsten in Sweden and forever”. Ich habe lange vor der Hütte gesessen und an damals gedacht, an die Menschen, die mir da begegnet sind, die Dinge, die wir erlebt haben. Die schönen, und die weniger schönen. Wie interessant es ist, dass einen solche Erlebnisse so prägen, das Leben so beeinflussen können. Es ist die Geschichte meiner Schwedenliebe und der Grund, warum ich heute hier bin. Diese beiden Sommer haben mir so viel bedeutet – und letztendlich bin ich mir eigentlich sicher: wären wir damals nach Polen gefahren, würde ich heute in Warschau leben :-)


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