Sonntag, Juni 22, 2008

Bären, Frösche, Axtmörder und Schnarchmonster - Mittsommer auf Ulrikslund Volume 2

Endlich - nach einem langen, dunklen, nassen und grauen Winter und einem sonnigen, herrlichen Frühling mit immer heller werdenden Nächten feiern die Schweden den Sommerbeginn mit dem schwedischsten aller Feste: Mittsommer. Nach unserem Riesenerfolg vom letzten Jahr und unserem regelmäßig geäußerten Sehnsuchts-Seufzer „Wisst Ihr noch, Mittsommer...?!“ war es natürlich klar, dass auch dieses Jahr auf Ulrikslund gefeiert wird. Leider mussten wir einen kleinen Dämpfer der Vorfreude verkraften, als die beiden Münchner Flo und Astrid, die letztes Jahr mit uns gefeiert hatten, entschieden, genau an Mittsommer auf Sizilien zu heiraten. Das brachte uns nicht nur um diese zwei netten Teilnehmer, sondern auch um Elena und Torbjörn, die zur Hochzeit reisten. Dafür stießen dieses Jahr wiederum neue Leute hinzu, und so waren wir zum Schluss 16 Feierfreudige plus ein Baby. Nationalitätenverteilung: 8 Deutsche, 3 Schweden, 3 Belgier (Simones Kollege + Freundin + deren Bruder), eine Irin und ein Australier (ein Freund von Maria und Samuel). Katrin und Sascha kamen für unser Spitzenevent sogar extra aus Deutschland angereist (mit guten deutschen Grillwürstchen), und Micha lud wieder in Düsseldorf das Auto voller Bier und machte sich mit seinem Mini auf den langen Weg gen Norden. Ein paar von uns hatten schon die Nacht von Donnerstag auf Freitag auf Ulrikslund verbracht, und so fingen wir nach dem Frühstück an, die ersten Vorbereitungen zu treffen. Möbel in den Garten schleppen, bunte Lichterketten aufhängen, dekorieren und so weiter. Auch die Köttbullar wollten wir schon vorbereiten, die typisch schwedischen Fleischbällchen (wer mal bei IKEA war kennt sie). Aus unerfindlichem Grund erklärte ich mich freiwillig bereit, Zwiebeln zu schneiden bzw. zu reiben. Das endete in einem schlimmen Heulkrampf, und durch das schadenfrohe Lachen meiner Freunde wurde mir klar, dass meine Wimperntusche wohl nicht mehr da war, wo sie hingehörte. Ich sah mehr nach gruseligem Halloween als nach luftig-leichter Sommerparty aus... Nach und nach trudelten schließlich auch die anderen ein, und so begann unser Nachmittag. Wie immer wurden die Aufgaben wie von selbst nach Geschlecht verteilt, wir Mädels fingen an, das Essen vorzubereiten und den Tisch zu decken, die Jung machten sich daran, Kubb zu spielen (ein schwedisches Wurfspiel), Bier zu trinken und den Grill anzuheizen. Sascha und Micha brachen auf, den Mittsommerbaum zu bauen und gingen mit Säge bewaffnet in den Wald. Die Axt konnten wir nicht finden und mutmaßten den Rest des Tages, dass ein gemeingefährlicher Axtmörder versteckt darauf lauert, uns später in der Dämmerung niederzumetzeln. Als alte Baumbauprofis wurde der Baum dann dieses Jahr größer, gerader und schöner als im letzten Jahr, auch wenn die Teilnahme am Bau nicht gerade als euphorisch zu bezeichnen war. Auch das Blumenkränzeflechten ging etwas unter, was hauptsächlich daran lag, dass wegen des sehr trockenen Frühlings längst nicht so viele Blumen zu finden waren wie letztes Jahr. Am motiviertesten zeigte sich der Australier Steven, der direkt mehrere Blumenkränze sehr phantasievoll zusammensteckte und somit einigen Damen den Aufwand ersparte, sich selber einen zu basteln. Schließlich fingen wir relativ früh mit dem Essen an, was wie letztes Jahr aus den typisch schwedischen Delikatessen bestand + Grillwürstchen und -fleisch. Nach dem Essen wurde weiter Kubb gespielt und gequatscht, die Sonne sank tiefer, Weinflaschen wurden entkorkt und wir saßen gemütlich im Kreis auf der Wiese. Zwischendurch brach unser Baum kurzzeitig zusammen, wurde aber schnell wieder repariert. Als die Belgier sich wegen des Babys aufmachten, wieder nach Stockholm zu fahren, fiel uns ein, dass wir noch ein Gruppenfoto machen mussten. Auch in diesem Jahr hatten wir dafür wieder den Dresscode Jeans + weißes Oberteil bzw wahlweise auch weißes Kleid für die Mädels festgelegt. Einige von uns bereiteten die Foto-Location auf dem Feld von Bauer Karlsson vor, wobei mir auffiel, wie schön es ist, barfuß da so durchzuhüpfen. Ich ließ mich auf Michas Vorschlag hin auch direkt ins Getreide fallen, was zwar weder meinem Heuschnupfen noch meinem weißen Kleid so gut bekam, aber meiner Laune dafür schon. Auch die Gruppenfotomotivation war nicht ganz so hoch, aber schließlich ließen sich doch alle bewegen. Und als wir dann schon einmal alle aufgestanden waren, bot sich die Gelegenheit an, nach dem Abschied von den Belgiern den traditionellen Tanz um den Mittsommerbaum zu machen. Wir baten unsere drei teilnehmenden Urschweden, uns anderen anzuleiten, und so hatten wir dann die nächsten Minuten sehr viel Spaß. Zuerst tanzten wir etwas schüchtern um den Baum, und dann kam Gustav auf die Idee, „Björnen sover“ zu spielen, was soviel heißt wie „Der Bär schläft“. Gustav setzte sich also dazu als Bär ganz dicht an den Baum, und wir anderen tanzten im Kreis um ihn herum. Gustav sang dann das entsprechende Lied, und sprang am Ende auf, um jemanden zu fangen, der somit dann auch Bär war. Das Ganze artete in wildes Gekreische aus, Lachanfälle und fröhliches Jagen übers Grundstück. Beweis per Video am Schluss. Danach war aber der Klassiker angesagt, „Små Grodorna“, übersetzt „Die kleinen Frösche“. Dazu tanzt man um den Baum, macht bekloppte Gesten und endet schließlich beim Froschhüpfen mit dazugehörigem Quaken. Nach unserer Sang- und Tanzeinlage läuteten wir den Abend endgültig ein. Von nun an wurde getanzt, weiter gegessen, geredet und getrunken. Als es kühler wurde landeten wir auch wieder vor der Feuertonne, wo wir bis ca. 3 Uhr morgens saßen, immer wieder in den Himmel guckten, uns über das Licht freuten, die Stimmung und den Sommer, der vor uns liegt und darüber, dass wir uns haben. Schließlich fiel mir vorm Schlafengehen auch wieder die Tradition ein, schweigend 7 verschiedene Blumen zu pflücken, was eine große Herausforderung war, weil es ja nur so wenige gab. Ich hatte aber Glück, bekam 7 zusammen, die ich wieder mal in einer Plastiktüte unter meinem Kopfkissen verstaute. Gerade in dem Moment, als mir mein zukünftiger Ehemann im Traum erscheinen wollte, wurde ich allerdings unsanft davon geweckt, dass Micha einen Schuh auf mich warf. Ich teilte mit nämlich ein Zimmer mit Simone und ihm und habe wohl ordentlich geschnarcht... Wie immer kann ich nur sagen, dass es ein sehr gelungener Tag und eine schöne Nacht war. Für mich geht in Momenten wie diesen ein Traum in Erfüllung, den ich jahrelang mit mir herumgetragen habe, und es ist noch viel phantastischer als ich es mir jemals vorgestellt habe. Auch wenn ich Kiel und meine Freunde in Deutschland sehr vermisse bin ich glücklich, dass ich hier bin. Es war die richtige Entscheidung und ich bin dankbar, dass ich all diese Erlebnisse und Ereignisse hier mit meinen deutsch-schwedisch-irischen Freunden teilen kann, die mir in so kurzer Zeit so unverzichtbar geworden sind - und das sogar obwohl sie mit Schuhen nach mir werfen und mich Schnarchi nennen...