An einem Sonntag im September bekam ich unerwartet eine Mail von me

iner Vermieterin mit der Kündigung meiner Wohnung. Und damit ihr das nachvollziehen könnt, muss ich jetzt mal in groben Zügen und sehr zusammengefasst die Wohnungssituation in Stockholm erklären. Also: in Stockholm gibt es nur sehr wenige Mietwohnungen. Die meisten Wohnungen hier werden stattdessen gekauft (und das ist ein anderes Thema, das ich an dieser Stelle nicht behandeln wollte). Die wenigen Mietwohnungen der Wohnungsbaugesellschaften werden im Prinzip alle über die Stadt vergeben. Wenn man etwas mieten möchte kann man sich bei der Stadt anmelden und zahlt im Jahr dafür ca. 30 EUR. Alle freien Mietwohnungen werden der Stadt gemeldet und für ca. eine Woche auf einer Homepage eingestellt. Dort kann man sich einloggen und gucken, was so angeboten wird. Wenn man an einer Wohnung interessiert ist, meldet man sich als Interessent dafür an. Da es sehr viel mehr interessierte Mieter als verfügbare Mietwohnungen gibt, ist es entscheidend, seit wann man bei der Stadt angemeldet ist, also sozusagen auf der Warteliste für eine Wohnung steht (wie beim Trabi früher!). Je nach der angesammelten Wartezeit landet man dann auf einem bestimmten Warteplatz für die Wohnung, für die man Interesse angemeldet hat. Für eine Wohnung in der Stockholmer Innenstadt werden ca. 15-20 Jahre Wartezeit benötigt (ich sag doch – wie beim Trabi!); je weiter man in die Vororte geht, desto kürzer werden

die Wartezeiten. Die 30 Personen mit der längsten Wartezeit werden schließlich eingeladen, um sich die ausgeschriebene Wohnung anzusehen; und von allen, die die Wohnung dann letztendlich mieten wollen, bekommt der mit der längsten Wartezeit den Zuschlag. Wenn man also nun irgendwann das Glück hat, eine Wohnung zu bekommen, verliert man seinen Platz in der Bostadskö (=Wohnwarteschlange) und fängt bei Null wieder an. Das führt dann zu dem nächsten Problem. Wenn nämlich Leute, die eine Mietwohnung haben, aus irgendeinem Grund aus der Wohnung ausziehen müssen (weil sie z.B. mit jemandem zusammenziehen oder aus Stockholm weggehen), wollen sie die Mietwohnung nicht aufgeben, weil sie ja so schnell nicht wieder eine bekommen würden, falls sie wieder eine benötigen sollten (falls es mit dem Partner oder dem Job in der anderen Stadt nicht klappt oder whatever). Und das führt dazu, dass die Leute ihre Wohnungen nicht kündigen, sondern sie stattdessen schwarz untervermieten, ohne dass die Wohnungsbaugesellschaft das weiß. Lange Rede, kurzer Sinn: genauso hatte ich die letzten 3 Jahre gewohnt. Denn als ich nach Stockholm kam ohne Platz in der Bostadskö hatte ich kaum eine Chance, an einen normalen Mietvertrag zu kommen. Die Frau, die mir meine Wohnung untervermietet hatte, hatte sich mit ihrem Freund ein Haus gekauft – und aus Angst, dass es mit den beiden nicht klappt hat sie die Mietwohnung vorsichtshalber behalten. Nun kam es jedoch so, dass die beiden sich jetzt getrennt haben, und sie wohnt weiterhin in dem Haus, was jedoch für sie alleine zu groß ist. Sie will das Haus also irgendwann verkaufen. Wenn sie es verkauft, muss sie aus steuerlichen Gründ

en jedoch nachweisen, dass sie auch in dem Haus gewohnt hat, uns es nicht nur zu Spekulationszwecken gekauft hatte. Um diesen Beweis erbringen zu können, muss sie sich also dort mit Wohnsitz offiziell anmelden. Und da sie dann nicht mehr die Wohnung als ihren Wohnsitz haben kann, musste sie die Wohnung also kündigen – und damit auch mir. Im ersten Moment war ich etwas geschockt – es ist ja nicht leicht, eine Wohnung zu bekommen, außerdem missfiel mir der Gedanke, dass sich mein Arbeitsweg definitiv auf mehr als 2 Minuten zu Fuß ausweiten wird. Aber dann kam der Optimist in mir durch, und ich sah der Herausforderung und dem Ortswechsel etwas gelassener entgegen - frei nach dem Motto: alles löst sich. Ich hatte mich ja auch gleich nach meinem Umzug nach Stockholm in der Bostadskö eingeschrieben und somit also jetzt 3,5 Jahre Wartezeit. Damit sollte sich was machen lassen, wenn auch außerhalb der Innenstadt. Und dann dachte ich darüber nach, wie ich am liebsten wohnen würde... Da tauchte folgende Vorstellung auf in meinem Kopf: ein kleines Haus in meiner Heimatgemeinde Nacka, so, dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit kann. Also fing ich an, Kleinanzeigen von Privatleuten zu checken, und da mich der Gott des Wohnens schon immer gerne mochte und meine Wünsche bisher immer erfüllt hat, fand ich 3 Tage nachdem ich die Kündigung erhalten hatte eine Anzeige für ein 37qm „großes“ Haus in Björknäs/Nacka, das auf dem Hanggrundstüc

k eines Paares liegt, etwas unterhalb von deren eigenem Wohnhaus. Erst wollte ich nicht schreiben, weil 37qm einfach zu klein ist, aber schließlich schickte ich doch eine Mail an den Vermieter. 3 Tage später durfte ich mir das Haus dann ansehen. Gelegen in einer hübschen Gegend mit lauter schwedischen Einfamilienhäusern. Und als ich zur Tür reinkam dachte ich nur „Hier will ich wohnen – auch wenn das mit meinen Möbeln niemals passt“. Ein „eigenes“ kleines Schwedenhaus, nur für mich alleine, mit weißen Dachbalken, beige/weiß gestreifter Tapete... Ein kleiner Traum... Ich überlegte hin und her, aber bis auf die Größe gab es keine Nachteile. Und von Möbeln und Sachen kann man sich ja trennen. Am nächsten Tag rief ich die Vermieter an und sagte, dass ich interessiert wäre. Scheinbar hatte ich einen guten Eindruck gemacht (ich hatte meine Babysitterdienste für die beiden kleinen Jungs angeboten) – denn Håkan sagte nur, dass er mir den Vertrag zuschickt. Wow! Ich konnte nicht fassen, dass sich mein Wohnproblem nach nur einer Woche bereits gelöst hatte. Die nächsten Wochen nutzte ich dann zum Aussortieren, Packen und Gedankenmachen bezüglich der Möblierung meines kleinen Häuschens. Ich trennte mich von massenweise Klamotten, 18 Paar Schuhen, 80 Taschenbüchern, Krimskram, meinem Schreibtisch, schweren Herzens von meinem grünen Schrank, den mein Opa selber gebaut hat und auch von meinem Bett, da es im Haus nur einen Schlafboden gibt. Nachdem meine Umzugshelfer

mein Haus zum ersten Mal gesehen hatten wurde ich außerdem gezwungen, auch meinem roten Sofa am Umzugstag Adieu zu sagen. Ich alter Optimist hatte eigentlich geplant, 2 Sofas auf 37qm unterbringen. Netterweise boten sich die Jungs an, sich um die Beseitigung des Sofas zu kümmern und verkündeten großspurig, dass ich mir keine Gedanken um dessen Verbleib machen müsse. Ich hatte nicht die Nerven, mich weiter mit diesen kryptischen Äußerungen zu beschäftigen und vertraute einfach auf meine Freunde. Und guckte nicht schlecht, als ich das Sofa am nächsten Tag beim Putzen der alten Wohnung im Hausflur neben der Kellertreppe fand. Seufz. Die Jungs verteidigten sich mit der Aussage, dass sie eigentlich vorhatten, das Sofa noch im Laufe der Woche ordnungsgemäß zu entsorgen. Nun ja, die Geschichte löste sich in Wohlgefallen auf, da ich das gute Stück noch für ein paar Euro verkaufen konnte. Nun wohne ich seit fast 5 Wochen auf „Yvilund“, wie ich mein Häuschen getauft habe, und fühle mich wahnsinnig wohl (auch wenn gewisse Leute mit böser Zunge behaupte

n, es wäre so weit abseits, dass es nicht mal mehr in Schweden liegt). Dass es klein ist stört mich gar nicht. Auf den Fotos könnt ihr sehen, dass das Häuschen aus einem großen offenen Raum mit Küchenzeile besteht. Eine Treppe führt nach oben auf den Schlafboden, wo ich nur eine Matratze liegen habe. Ich liebe den Blick aus dem Fenster von da oben, über Häuser und Natur. Da ich auf einem Berg wohne guckt mir da keiner direkt rein. Alle Kartons sind inzwischen ausgepackt, aber ein paar Details fehlen noch. Dazu hatte ich noch nicht die Ruhe. Mein grünes Sofa soll noch einen neuen Bezug bekommen, ich brauche noch ein Regal und einen Couchtisch; aber das löst sich mit der Zeit. Im Moment genieße ich mein neues Zuhause und freue mich immer, wenn ich komme und Yvilund sehe :-) Besonders als es geschneit hat sah es fantastisch aus, und ich freue mich schon auf den Frühling und den Sommer, wenn ich vor meinem Häuschen mit einem Kaffee in der Sonne sitzen kann!! Dann kann ich auch wieder zur Arbeit radeln, was ich schon gemacht habe, als noch kein Schnee lag. Es dauert 25 Minuten, und ich find's klasse; schließlich war ich in Kiel nur mit dem Rad unterwegs, un

d das habe ich die letzten Jahre echt vermisst. In die Stadt dauert es mit dem Schnellbus über die Autobahn übrigens nur 15 Minuten; trotzdem ist es grün um mich rum, das Meer in der Nähe und auch ein Badesee. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden und fühle mich jetzt wie in einem Inga Lindström-Film. Fehlt nur noch der Landarzt/Gutsbesitzter/Landschaftsgärtner, der sich zu mir verirrt...
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