Der große Bruder wohnt in Schweden
Und heute noch ein bisschen mehr zum Thema "andere Länder, andere Sitten". In Schweden ist jeder Mensch mit einer Personennummer registriert, ohne die man in diesem Land ein Nichts ist. Sie setzt sich zusammen aus dem Geburtsdatum und 4 weiteren Ziffern. Die Nummer zu kriegen war nach meiner Aufenthaltsgenehmigung (die man mit Job als EU-Bürger problemlos bekommt) das wichtigste, als ich herkam. Denn ohne Personennummer bekommt man in Schweden nichts, kann sich nirgendwo anmelden, bekommt kein Konto, keinen Handyvertrag, keine Versicherung, man existiert eigentlich nicht. Das Ganze ging aber auch recht unproblematisch damals, dank der Aufenthaltsgenehmigung, also einfach hin zum Finanzamt (die regeln hier alles, ist sozusagen wie das Ordnungsamt), ein Formular ausgefüllt und nach 2 Tagen hatte ich meine Nummer im Briefkasten. Und unter der ist also alles über mich gespeichert. Meine persönlichen Daten, klar, aber auch die Adresse, alle vorherigen Adressen, wo ich mein Konto habe, wieviel ich verdiene, wie viele Steuern ich zahle, und manchmal frage ich mich, ob auch registriert wird, dass ich mit Vorliebe Nutella und dreilagiges Toilettenpapier einkaufe... Denn die Personennummer hat definitiv 2 Seiten. Auf der einen Seite ist sie recht vorteilhaft. Zum Beispiel wenn man zum Arzt geht. Da sagt man nur seine Personennummer, die wird eingetippt und sofort haben sie alles da. Man braucht also keine Versichertenkarte. Wenn ich mich im Internet irgendwo als Kunde registriere, brauche ich manchmal nur die Personennummer eintippen. Adresse, Telefonnummer etc. taucht danach ganz automatisch auf. Wenn ich umziehe reicht es, wenn ich mich beim Finanzamt ummelde, alle Firmen, bei denen ich gemeldet bin, kriegen dann automatisch Bescheid. Und da kommen wir auch schon zum Nachteil. Datenschutz? Gibt es hier nicht. Ich habe noch nicht durchschaut, wie das mit diesem Datenaustausch so genau funktioniert, und wer wirklich automatisch meine Daten bekommt. Aber nach meinem Umzug bekam ich von einigen Firmen eben Post an meine neue Adresse, ohne dass ich meine Änderung denen schon bekannt gegeben hatte... Wenn das meine Bank betrifft, finde ich das ja auch irgendwie noch praktisch - aber muss mein CD-Versandhandel sofort Bescheid wissen? In Schweden gibt es sowas wie ein "Geheimhaltungsverbot", so ist man eben der Meinung, Dinge wie Verdienst oder Höhe der Steuer etc. müssen öffentlich zugänglich sein, Geburtsdatum sowieso. Im Rahmen meiner Forschung diesbezüglich habe ich mich also auf einer Internetseite angemeldet, über die man an solche Daten kommt. Ich kann also Mitbürger suchen, Freunde, Kollegen, tippe einfach den Namen ein und bekomme dann die Personennummer (und damit eben automatisch den Geburtstag). Dann gibt es verschiedene Auswahlmöglichkeiten. Also, was möchte ich über die Person wissen? Familienstand, Einkommen, Vermögen? Oder lieber "Bezahlungsanmerkungen" (sprich irgendwelche unbezahlten Rechnungen oder offene Forderungen) bzw. Kreditwürdigkeit? Für jede Auskunft, die ich will, muss ich zwischen 50 Cent und 3 Euro zahlen. Tu ich und hangele mich also durch meine eigenen Angaben. Irgendwie kommt da raus, dass ich nichts verdiene und auch kein Vermögen habe, was mich stutzig macht (naja, das mit dem Vermögen stimmt schon, aber für meine Arbeit werde ich dann doch bezahlt...). Ich hoffe, dass es damit zusammenhängt, dass ich noch keine Steuererklärung gemacht habe. Dann bin ich wirklich neugierig und gebe einfach "Johan Andersson" und "Stockholm" ein. Es gibt 111 Herren mit diesem Namen in der Stadt. Ich suche mir einen aus und frage seinen Familienstand ab. Aha, ledig. Und jetzt das Einkommen. 173 678 Kronen. Soll das das Jahreseinkommen sein? Das sind dann umgerechnet ca. 18675 EUR - neee, das ist kein guter Fang. Für jemanden, der auf die 50 zugeht aber auch ein miserabler Lohn, deswegen frage ich mich, ob das alles so ganz genau stimmt, oder ob da noch irgendwas gegengerechnet wird. Hmmm, jetzt hat es mich gepackt und ich checke eine meiner Kolleginnen. Ok, das könnte hinkommen. Interessant zu wissen für meine Gehaltsverhandlung, die demnächst ansteht... Tja, also, unglaublich eigentlich das Ganze. Und die Personen werden auch nicht benachrichtigt, dass man die Daten erfragt hat. Man muss schon ein bißchen schlucken, wenn man so darüber nachdenkt, was wer über einen weiß; wahrscheinlich sind ja noch mehr Daten erfasst, die zwar nicht jeder einsehen kann, aber Ämter oder Firmen. Wie gesagt, vielleicht werden meine "Einkaufsgewohnheiten" wirklich beobachtet, so dass böse Fertiggerichte-Firmen mich absichtlich als Objekt für Werbesendungen ausfindig machen oder Obstbauern vor meiner Tür stehen, weil sie wissen, dass ich nicht genügend von ihren Produkten esse??? Big Brother is watching you...


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