Sonntag, Mai 06, 2007

Asuntach!!

Vor zwei Wochen war ich übers Wochenende mit einem Teil meiner Kollegen in Helsinki und Tallinn. Wir wurden eingeladen von der Reederei TallinkSilja, denn in meiner Branche muss man ja immer schön ausprobieren, was man so verkauft. Es war also eine Mischung aus Privat- und Dienstreise, und deshalb durften auch Partner mit (wenn man denn einen hat). Wir waren also drei Pärchen und vier Singlefrauen und hatten wirklich ein unvergessliches, lustiges und schönes Wochenende. Im letzten Monat haben drei neue Kolleginnen bei uns angefangen, und die waren auch mit, was natürlich ein schöner Start war, da man sich so ja besser kennen lernt. Wir waren also ingesamt fünf Deutsche, eine Österreicherin, drei Schweden und ein Franzose. Zwei konnten kein Deutsch und eine kein Schwedisch, was also zu einem heiteren Sprachen-Mischmasch führte. Am Freitag ging es auf die Fähre, die uns über Nacht nach Helsinki bringen sollte. Das erste was ich an Bord sah, war ein wild gewordener Keyboarder, der zur Begrüßung der Menschenmassen mit verrücktem Grinsen voller Begeisterung in seine Tasten haute. Welch ein Graus... Aber sonst, das Schiff, ganz nett, mit Atrium und so, nicht schlecht. Vor dem Abendessen ließen wir uns auf einen Drink im Pub nieder. Als wir anstoßen wollten, verkündete Nooshin, dass sie zwar kein Deutsch könne, aber immerhin wüsste, wie man "Skål" auf Deutsch sagt. So lächelte sie schließlich stolz in die Runde, hob ihr Glas und sagte mit voller Inbrunst "Asuntach!!" Woraufhin der Rest der Gruppe erst ungläubig guckte und dann losprustete. Nooshin begriff sofort, dass es das Wort wohl nicht gibt, und sie derjenige, der es ihr mal beigebracht hatte, verklapsen wollte. Naja, natürlich wurde "Asuntach!!" unser Running Gag auf der Reise... Nach dem Abendessen (leider konnte mein Heißhunger auf Currywurst nicht gestillt werden) trafen wir uns alle, um das Nachtleben an Bord zu erkunden. Petra hatte am Buffet schon die erste Bekanntschaft geschlossen und war später noch verabredet. Aber erst war ein bißchen Paartanz zu Coverband-Musik angesagt (da lernte Petra die nächsten kennen), dann folgte die große Mitternachts-Tanzshow. Und man hat ja nicht viel Wahl auf so einem Schiff und MUSS sich sowas ansehen. Zur Ablenkung hielt mir Petra ein Getränk unter die Nase, wovon ich ein Schlückchen probierte. Hmmm, gar nicht so schlecht. Das Ganze entpuppte sich dann als Jägermeister mit Orangensaft, und da war ich alter Abstinenzler doch etwas verwundert, dass ich sowas mag... Naja, ich blieb trotzdem beim Wasser. Nach der Show wechselten wir dann in die Disko. Das Durchschnittsalter lag hier ungefähr 50 Jahre unter dem der vorherigen Location, wurde allerdings durch uns auch schon wieder um ca. 10 Jahre erhöht. Es lief nur komischer Techno, aber das bläst einem ja manchmal die Birne frei, und so tanzte ich die meiste Zeit alleine zwischen den 15-Jährigen rum. Interessant zu beobachten waren zwei Mädels mit wenig an, die sich beim Tanzen die ganze Zeit selbst mit den Händen über den Körper fuhren und sich die Haare zerwühlten. Ich glaube, sie fühlten sich waaaahnsinnig sexy und waren es wohl auch, denn alle 16-jährigen Jungs drumrum machten große, gierige Augen. Sehr schön, sowas mit gelassenem Abstand beobachten zu können, in der Gewissheit, dass man aus der Phase definitiv raus ist... Schließlich kehrte ich zu den Kollegen zurück, führte vor, was ich eben bei den Mädels gesehen hatte und griff dann beherzt zu Nooshins Zigarette. Alles starrte mich an und Nooshin machte ein Beweisfoto, was aber zu dunkel geworden ist, deswegen kriegt ihr es nicht zu sehen. Am Samstag kamen wir bei Regen in Helsinki an. Da uns die Reederei leider kein Frühstück spendiert hatte, machten wir uns als erstes auf die Suche nach einem Café. Zu zehnt war das nicht so leicht, aber schließlich wurden wir fündig. Im Anschluss begaben sich die meisten auf Sightseeing- oder Shopping-Tour, aber Nooshin und ich wollten es uns den Rest des Tages bis zur Weiterfahrt nach Tallinn im besagten Café gemütlich machen. Als ich vor 6 Jahren mit Hardi in Helsinki war fand ich es so langweilig da, außerdem war das Wetter wirklich nicht verlockend... Also saßen wir mehrere Stunden rum, quatschten, tranken Tee und Kaffee und hatten einen herrlichen und entspannten Nachmittag. Schließlich ging es gegen 16 Uhr auf zur nächsten Fähre, die uns in 2 Stunden nach Tallinn bringen sollte. Auf dieser Fähre gab es nicht so viel zu tun und sehen, und so kauften wir einfach den vorhandenen Süßigkeitenvorrat auf und machten es uns auf einer Sitzgruppe bequem. Dann entdeckten wir die Bühne neben uns und befürchteten einen Keyboarder wie am Tag zuvor, aber nein, weit gefehlt. Ein äußerst entzückender Jüngling trat mit seiner Gitarre hervor und vergoldete uns die Überfahrt. Nooshin und ich konnten den Blick nicht mehr von ihm wenden und jubelten und klatschten und sangen mit und waren total verzückt. Was für ein herrlicher Tag, dachten wir bereits, und da wussten wir noch nichtmal, wie es weitergehen sollte... Nach einer halben Stunde war unser kleiner Finne fertig, ließ sich aber nicht auf Nooshins Angebot ein, sich doch zu uns zu setzen. Ich bin dann zu ihm hin, habe ihm Geld in seinen aufgestellten Becher geschmissen und ihn für seine Leistung gelobt. Er war vollkommen verschüchtert, und echt jung! 19 würde ich sagen, aber so süß! In Tallinn angekommen erwartete uns schon unser gebuchter Transfer, und es ging zum Hotel. Dort angekommen baten wir die Rezeptionistin, uns einen Tisch in einem Restaurant zu reservieren und hatten dann erstmal ein Stündchen Zeit, uns frisch zu machen, bevor wir uns alle wieder trafen und in Richtung Altstadt marschierten. Wir waren sofort begeistert von Tallinn, es ist echt wunderschön restauriert und gepflegt! Schließlich kamen wir in unserem Restaurant an und hatten da wirklich einen wunderbaren Abend. Es war zwar so ein Touri-Laden mit estnischem, rustikalem Essen im mittelalterlichen Gewölbe und so, aber trotzdem richtig nett. Wir prosteten uns wieder zu ("Asuntach!!") und hatten viiiiiel Spaß. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal so viel gelacht habe. Ich musste zweimal aufs Klo, um mein Make-Up zu richten (warum heißt es "waterproof", wenn es doch keine Tränen aushält???). Schön war auch, als ich eine Geschichte auf Englisch erzählen wollte, und es heillos mit Schwedisch mischte, ohne es zu merken. Es ist echt verrückt - wenn ich Englisch spreche, muss ich mich richtig konzentrieren und darüber nachdenken, was ich sage, und Schwedisch geht einfach so über die Lippen. Schließlich war es an der Zeit, ins Nachtleben aufzubrechen. Ich wollte aber noch ein Andenken an diesen Tag. Das Restaurant hatte als Logo so ein richtig hässliches, kitschiges Schwein, und so ließ ich eine Tasse mit diesem Schwein drauf mitgehen. Daraus trinke ich jetzt immer bei der Arbeit meinen Kaffee und erinnere mich an den Tag. Jedenfalls gingen wir los auf der Suche nach einer netten Bar, aber alle wollten Eintritt, was wir aber nicht wollten. Da uns langsam kalt wurde und die Geduld nachließ, gingen wir in den nächsten Laden, der keinen Eintritt wollte und landeten so in einer Karaoke-Bar. Ich war positiv überrascht, denn ich dachte immer, in Karaoke-Bars stehen nur Besoffene auf der Bühne und grölen ins Mikro, aber die Jungs und Mädels, die sich trauten waren echt gut. Wir holten uns was zu trinken, Petra hatte sofort wieder einen Typen an der Angel, und dann wollte ich tanzen, denn das mache ich doch am liebsten wenn ich dann schonmal aus bin. Und da stand er da plötzlich vor mir und sah mich an, Mark aus London. Und auf einmal war all mein Englisch wieder da... Meine Kollegen haben nicht mehr viel von mir gesehen den restlichen Abend, aber ich hatte es jedenfalls nett... Nooshin hatte es auch nett mit Chris aus Sheffield, und als wir beide den Laden gegen halb 4 verließen waren wir äußerst guter Laune und kicherten den ganzen Heimweg vor uns hin. Am nächsten Tag strahlte die Sonne vom knallblauen Himmel, und wir lernten während einer Rundführung die Stadt kennen. Ich war zu müde, um wirklich zuzuhören, aber die Stadt an sich ist wirklich schön. Also, falls ihr überlegt, wohin euer nächster Städtetrip gehen soll: ich empfehle Tallinn! Da meine Kollegin Anna schon mehrfach in Tallinn gewesen ist und meinen Faible für Schuhe kennt, wurde ich dann nach der Rundtour in ein Taxi gesteckt und zu einer "Shoppingmall" außerhalb der Innenstadt gebracht. Leider ohne jeglichen Erfolg. Ich fand die Schuhe weder billig noch schön, aber Nooshin und ich wurden von etwas ganz anderem in Versuchung geführt: den großen, gemütlichen Ledersesseln, die inmitten der Mall von der Sonne beschienen wurden und zu einem (passenderweise) englischen Pub gehörten. Da wir schon am Vortag festgestellt hatten, dass wir super darin sind, einfach nur herumzusitzen, schlossen wir an die Tradition an, bestellten uns was zu essen und zu trinken ("Asuntach!!") und versanken für ein paar Stunden in den Sesseln und ließen es uns gutgehen. Dann war es Zeit, zum Hotel zurückzukehren, und dann ging es auch schon wieder zum Hafen, um den Heimweg anzutreten. Nach dem Abendessen wurden Nooshin, Irene und ich magisch angezogen von Kalle, dem nächsten schnuckeligen Gitarrenspieler, diesmal Schwede. Auch er war sehr gut, hatte Ausstrahlung und lächelte vor allem desöfteren mal zu Irene hinüber. Also, Fazit: bis auf den Keyboard-Schreck vom ersten Tag kann man die Alleinunterhalter auf der TallinkSilja nur empfehlen! Ein Augen- und Ohrenschmaus! Nachdem Kalle die Bühne verließ, war Karaoke (ach, schon wieder...) angesagt, diesmal aber nicht mit der Qualität vom Vorabend, sondern eher so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte... Da wir uns eh vorgenommen hatten, den Abend diesmal früher zu beenden (schließlich wartete die Arbeit am nächsten Tag), gingen Nooshin und ich ins Bett. Irene staubte noch Kalles Telefonnummer ab. Tja, und so war die Fahrt auch schon vorbei, und am nächsten Morgen fuhren wir direkt alle zusammen vom Hafen zum Büro. Aber wie das so ist, so eine Reise schweißt zusammen, wir haben unsere Insider, unsere finnischen, schwedischen und englischen Telefonnummern und viele schöne Erinnerungen :-)